„Wenn ihr jemanden aus dem Ausland genau eine Sehenswürdigkeit in Deutschland empfehlen müsstet, welche wäre das?“ So fragen Biggi und Flo vom Blog Phototravellers in ihrer Blogparade. Ich finde den Blog der beiden klasse, aber bei diesem Thema war ich skeptisch. Das Abklappern von „places to be“ passt ja so gar nicht in meine Reisephilosophie. Aber der Gedanke, einem Menschen der nur für einen Tag in Deutschland ist, die eine Sehenswürdigkeit zu zeigen, ließ mich irgendwie nicht mehr los.

Sehenswürdigkeiten in Deutschland

Welche Sehenswürdigkeiten gibt es? Was fällt mir spontan ein? Was finde ich in Deutschland besonders beeindruckend?

Ist es die unendliche Weite des Wattenmeeres bei St. Peter Ording? Dort, wo die Macht der Natur und der Gezeiten durch Ebbe und Flut spürbar wird – die Seele fliegt und die Matjesbrötchen sind Weltklasse. Und was ist mit der Ostsee mit herrlicher Dünenlandschaft und Segelbooten, die mit dem Horizont verschmelzen?

Wattenmeer im Winter
Wattenmeer im Winter

Oder sind es doch eher die bayerischen Alpen mit dem atemberaubenden Bergpanorama, ihren abenteuerlichen Wanderwegen und den romantischen Almhütten mit leckerster Brotzeit?

Unterwegs in den Alpen
Unterwegs in den Alpen

Oder ist es etwa der Kölner Dom, der ruhig und gelassen über Köln thront. Ein Bauwerk das alles zu überdauern scheint: Kriege und Unruhen, alle Ab- und Wiederaufstiege des 1.FC Köln. Statistisch gesehen wohl tatsächlich der meistbesuchte Ort Deutschlands hat er mich lange Zeit, als ich in Köln lebte, immer schon von weitem begrüßt und mir gezeigt, wo mein zu Hause ist.

Kölner Dom
Kölner Dom

Dann darf man aber auch die ganzen Mittelgebirgsregionen nicht vergessen. Die vielen Weinanbaugebiete, die sich romantisch und lebenslustig an den großen und kleinen Flüssen entlangschlängeln. Eine besondere Überraschung war für mich die nördlichste Weinregion an der Saale/Unstrut. Ich finde, auch hier sollte man gewesen sein, wenn man über Sehenswürdigkeiten in Deutschland spricht.

Region Saale - Unstrut
Region Saale – Unstrut

Wieviel Deutschland steckt in dieser einen Sehenswürdigkeit?

Oh ja, es gibt so viel Sehenswertes in Deutschland. Aber wo ist es am Schönsten? Wenn ich meinem „Gast für einen Tag“ das Meer zeige, fehlt ihm dann nicht noch der Blick auf die Berge? Oder wenn derjenige den majestetischen Kölner Dom gesehen hat, sollte er dann nicht noch die lieblichen Weinberge an Rhein und Mosel erleben? Es bleibt stets das Gefühl, dass etwas fehlt: die Menschen! Denn die Menschen, das Leben, die Kultur machen einen Ort zu dem was er ist. Kann durch das persönliche Erleben nicht sogar jeder Ort zu der einen Sehenswürdigkeit in Deutschland werden?

Ich erinnere mich an eine Sendung auf irgend einem Lokalsender. Da wurde jede Woche ein zufälliger Ort auf der Landkarte ausgewählt. Und genau von dort wurde dann berichtet. Meistens handelte es sich um eine bis dahin völlig unbekannte Gegend, von der man vorher noch nie etwas gehört hatte. Und es wurden spannende Geschichten erzählt. Interessante Menschen kamen zu Wort. Man lernte Feste, Brauchtümer, kleine Heldengeschichten, dunkle Geheimnisse und sogar unerwartet historisch Bedeutendes kennen. Und das Erstaunliche war, nach dieser Sendung hatte ich den Wunsch, genau dort mal hinfahren zu wollen. Denn was macht die Schönheit eines Ortes aus? Meistens ist es doch das was man dort erlebt, die Menschen die man dort trifft, die Geschichten die man hört und das Gefühl mit dem man wieder fährt.

Kann Braunschweig der schönste Ort Deutschlands sein?

Und da kam mir eine Idee. Ich zeige einfach mal wie zufällig mit dem Finger auf Braunschweig. Auf der Landkarte zwischen Heide, Hannover und Harz gelegen – ehemaliges Zonenrandgebiet und der Ort, in dem ich lebe. Nie wäre mir Braunschweig in den Sinn gekommen, wenn es um die schönsten Sehenswürdigkeiten Deutschlands geht. Gut, auch Braunschweig hat eine historische Vergangenheit. Als ehemalige Hansestadt, machte Heinrich der Löwe aus Braunschweig eine bedeutende Handelsmetropole und Hauptstadt des gleichnamigen Landes. All das geschah im Mittelalter. So gibt es auch einen schönen mittelalterlichen Stadtkern mit dem für Braunschweig wichtigstem Wahrzeichen: dem Braunschweiger Löwen. Braunschweig war auch eine der größten Fachwerkstädte Norddeutschlands, leider ist nach dem Krieg und einem furchtbaren Feuersturm nicht viel davon übrig geblieben. Die Architekten haben Braunschweig wie viele andere Städte Deutschlands zu einer „modernen“, „autogerechten“ Stadt umgebaut. Diese Narben sind bis heute vorhanden. In meinem Artikel zu Bobbys kleinem Königreich habe ich ja bereits darüber geschrieben.

Braunschweiger Löwe
Braunschweiger Löwe

Kurz und gut: schön ist anders! Aber ich stelle mir vor, dass dieser Gast aus dem Ausland genau hier in Braunschweig für einen Tag landet. Was zeige ich ihm? Was macht Braunschweig zu der einen Sehenswürdigkeit in Deutschland?

Sommer auf der Oker – Braunschweiger Freizeitvergnügen als Sehenswürdigkeit

 

Oker Braunschweig
Oker in Braunschweig

Es ist Sommer. Da lieben es die Braunschweiger auf der Oker Boot zu fahren: Kanu, Ruderboot, Tretboot, Stand-up-Paddeling, alles ist möglich. Eine wunderbare Möglichkeit Braunschweig kennenzulernen, ist eine Floßfahrt. Es gibt Stadtführungen vom Floß aus, man kann eine Kaffeefahrt machen, Krimifahrt oder Jazzfrühschoppen und noch viel mehr. Ich würde mit meinem Gast die Floßfahrt auf der Oker durch das historische Braunschweig wählen. Die Oker umrundet Braunschweig als alter Stadtgraben. Die Stadtmauer gibt es nicht mehr und es zieht sich eine grüne Ader rund um die Innenstadt von Braunschweig, die ausschließlich über Brücken zu erreichen ist. Auf dieser Floßfahrt blickt man in alte Gärten von herrschaftlichen Villen und hört von der bedeutenden Historie Braunschweigs.

Und ganz nebenbei kann man bei einem kühlen Getränk aus der bereitgestellten Kühlbox mit den Tischnachbarn ins Gespräch kommen. Und da erfährt man wahrscheinlich, dass es noch viel mehr zu sehen gibt, z.B. den Lichtparcour. „15 Kunstwerke, 24 Stunden, 4 Monate, eine Stadt…“. Unter diesem Motto erstrahlen entlang der Oker Lichtinstallationen verschiedener Künstler. Und wenn man dann nicht gleich die nächste Floßfahrt für den Abend buchen möchte, die diese Kunstwerke ansteuert, macht man vielleicht eine Fahrradtour oder einen Spaziergang zu den Werken und sieht, staunt, erlebt.

Lichtparcour Braunschweig
Lichtparcour Braunschweig am Tag
Lichtparcour Braunschweig bei Nacht
Lichtparcour Braunschweig bei Nacht

Oder man erfährt, dass gerade Weinmarkt auf dem Kohlmarkt ist. Ein jedes Jahr wiederkehrendes Event, wo sich die Braunschweiger treffen, klönen, feiern und einfach den Sommer genießen. Wenn man dann schon mal in der Innenstadt ist, besichtigt man im Vorbeigehen den Dom mit Braunschweiger Löwe, das historische Rathaus und das Schloss, heute allerdings ein Einkaufszentrum. Wir lassen uns treiben und wir begegnen Menschen. Und diese Menschen sind meinem Gast mittlerweile schon etwas vertraut. Wir sehen und erleben das Braunschweig der Braunschweiger.

Und am nächsten Morgen wenn mein „Gast für einen Tag“ Braunschweig wieder verlässt, fährt er möglicherweise mit dem Gefühl, einen der schönsten Orte Deutschlands kennengelernt zu haben. Und vielleicht kommt er wieder, möglicherweise im Winter. Und dann gibt es den Weihnachtsmarkt. Ich kenne viele Weihnachtsmärkte. Aber ganz ohne Lokalpatriotismus kann ich sagen: Der Braunschweiger Weihnachtsmarkt ist der Schönste! An einem tollen historischen Platz ist er vielseitig, abwechslungsreich, immer lebendig, einfach Braunschweig. Und den leckersten Eierpunsch der Welt gibt es hier auch!

Erlebenswürdigkeit statt Sehenswürdigkeit

Und ich taufe einfach ganz frech den Titel der Blogparade um 😉 Das reine Sehen kann beeindrucken, aber das Erleben kann meiner Ansicht nach einen Ort zu dem Schönsten machen. Und diese schönste Erlebenswürdigkeit kann überall in Deutschland sein – sogar in Braunschweig.

Advertisements