Wir sind ja viel im Harz unterwegs. Der Grund ist einfach: wir wohnen ganz in der Nähe. Und mit der Zeit habe ich den Harz auch lieben uns schätzen gelernt. Den höchsten Berg des Nordens, den Brocken (1141,2 m), diese runde Erhebung mit Sendemast und Sattelitenschüssel statt Gipfelkreuz, habe ich früher als Gipfel gar nicht ernst genommen. Heute freue ich mich jedes Mal wenn ich ihn sehe. Durch unterschiedliche Wetterlagen und Perspektiven zeigt er immer ein neues Gesicht. Und doch scheint er mit seiner bewegten Vergangenheit der deutsch-deutschen Teilung stoisch in sich zu ruhen. Zwar schwärme ich in meinen Blogartikeln für dieses Mittelgebirge und möchte gerne zu dessen Entdeckung inspirieren. Aber Reiseträume, neue Herausforderungen und große Pläne, solche Gedanken waren für mich immer mit anderen Orten verbunden.

Der Brocken
Der Brocken

Großes Abenteuer im Harz?

Bald geht es los auf unserer „große“ Tour am Meraner Höhenweg. Darauf fiebere ich hin, da bereite ich mich drauf vor, das ist aufregend!  Aber dieses Abenteuer ist so schnell wieder vorbei und was kommt dann? Nun ja, was soll kommen? Erst mal auf jeden Fall wieder der Harz wahrscheinlich. Auf einer unserer letzten Touren, als wir wieder an mehreren Stempelstellen der Harzer Wandernadel vorbeigekommen sind, kam mir auf einmal die Idee für eine nächste Herausforderung: die Harzer Wandernadel! 222 Stempelstellen insgesamt, zusätzlich literarische Sonderstempel, Grenzwegstempel und Baudensteig – Zusatzstempel und noch einige andere Stempel gilt es in einem Büchlein zu sammeln.  Ab 8 Stempel gibt es bereits die bronzene Wandernadel. Wenn man alle 222 Stempel beisammen hat, darf man sich Harzer Wanderkaiser nennen! Das riecht nach Abenteuer 😉 !

Wanderungen im Zeichen der Harzer Wandernadel

Unsere letzte Wanderung im Harz stand dann schon ganz im Zeichen der Harzer Wandernadel. In der Regel suchen wir unsere Wanderungen danach aus, wo es besonders abwechslungsreich ist mit naturnahen Wegen und netten Einkehrmöglichkeiten. Wolfgang, mein Lebens- und Wanderbegleiter hat für den Samstag eine entsprechende Wanderung im Hochharz herausgesucht. Ich blätterte ebenfalls durch den Wanderführer und konnte nicht anders, als die Touren kurz mit der gemeinsam mit dem Stempelbüchlein erstandenen Karte der Harzer Wandernadel gegen zu checken. Sofort sprangen mir die vielen Stempelstellen rund um Bad Harzburg ins Auge! Och, da ist es doch auch schön! Was meinst du? Da haben wir auch nicht so eine weite Anfahrt! Wolfgang war schnell überzeugt und ich sah schon die ersten drei Stempel sicher in meinem Büchlein. Und wenn wir am Ende der Tour noch einen kleinen Schlenker über den Burgberg machen, könnten es sogar vier Stempel werden.

Radauswassefall – Molkenhaus – Am Kruzifix – Eckertalsperre – Navigation zu den Stempelstellen

Hochmotiviert, ausgestattet mit dem Stempelbüchlein als wichtigstes Utensil und wie immer die Wegbeschreibung aus dem Wanderführer in Kopie und heruntergeladenem GPS-Track auf dem Handy ging es am Radauwasserfall in Bad Harzburg los. Nach knapp einer halben Stunde strammen Anstiegs durch einen schönen Wald an Wassergräben und mit netten Ausblicken erreichten wir das uns gut bekannte und wirklich empfehlenswerte Molkenhaus. Die Frage stellte sich: Hier schon einkehren oder oder erst später? Ein Blick auf die Karte und Wegbeschreibung zeigte: Es gibt kein später. Diese Einkehrmöglichkeit bleibt die einzige der knapp 20 km langen Wanderung! Mein geliebter Wanderbegleiter zeigte sich leicht zerknirscht. Bei der Tour, die er ursprünglich vorgeschlagen hatte, gab es gleich mehrere Restaurants – aber eben nur eine Stempelstelle. Man muss Prioritäten setzen. Obwohl gerade erst gefrühstückt, stärkten wir uns mit einer Currywurst und einem Stück Kuchen – die Tour war noch lang. Dann holten wir uns den ersten Stempel vom Molkenhaus.Graben bei Bad Harzburg

Winterberg

Über den Luchssteig ging es weiter über eine große Wiese hinab ins wildromantische Eckertal. Nach kurzer Zeit beklagte sich mein geliebter Wanderbegleiter über einen vollen Magen. Ich kämpfte zu diese Zeit mit meinen Trekking-Stöcken, die ich auf dieser Tour mal testen wollte als Probelauf für den Meraner Höhenweg. Immer wieder verhedderten die sich mit der Leine von Bobby und ich stolperte mit meinem von Kuchen gefüllten Magen vor mich hin. Bobby verstand meinen Unmut nicht. Er ging eigentlich ganz brav bei mir und hätte auf die Leine gut verzichten können. Unten im Tal führte unser Weg einsam entlang der Ecker durch tolle Natur. Hier habe ich dann auch Bobby (und mich) von der Leine befreit. Meine Stimmung war an dieser Stelle schon leicht gereizt und da störte es mich, dass Wolfgang an jeder Weggabelung auf sein Handy schaute, um zu überprüfen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Dann bat ich ihn noch etwas unwirsch, er solle doch mal einen Schritt beiseite treten, damit ich ein Foto von der herrlichen Natur machen kann. Daraufhin regte er sich auf, dass wir immer 10-mal länger unterwegs sind als in den Wegbeschreibungen angegeben, weil ich überall und ständig fotografieren müsse. So gingen wir in der Folge eher ruhig und meditativ weiter. Bobby kümmerte sich nicht um unsere Unstimmigkeiten. Er schnupperte am frischen Gras, hielt die Nase in den Wald und genoss das Wasser aus der Ecker. Sein Blick und seine ganze Haltung sagte: hier gefällt es mir!

Eckertal

Dann führte der Hauptweg über eine Brücke. Da wir aber meistens auf „vergessenen Pfaden“ (Richard Goedeke) unterwegs sind, sollte unser Weg geradeaus links von der Ecker weiterführen. Hier allerdings: Wegsperrung! Mein geliebter Wanderbegleiter zückte sein Handy. Diesmal sagte ich nichts und wir fanden dank der hervorragenden Navigation von Wolfgang tatsächlich eine Alternativroute durch den Wald. Dieser wirkte fast gespenstisch, da viele der Bäume durch den Borkenkäferbefall abgestorben sind. Früher dachte ich, dieses Baumsterben wäre ein Zeichen von Umweltverschmutzung. Heute weiß ich, dass die abgestorbenen Bäume mit dem Prozess der Renautorierung der Wälder im Harz zusammenhängen. Der einsetzende Nieselregen gab der ganzen Szenerie noch eine zusätzliche geheimnisvolle Note. Dass ich in meiner neuen regenabweisenden, atmungsaktiven Jacke wie verrückt schwitzte, möchte ich an der Stelle nicht weiter ausführen.

Der harte Weg zum Harzer Wanderkaiser

Zielsicher gelangten wir auf der anderen Seite des Tales auf den Kolonnenweg (ehemalige deutsch-deutsche Grenze) und näherten uns mittlerweile wieder bei Sonnenschein und schwüler Luftfeuchte dem nächsten Highlight: „Am Kruzifix“, die zweite Stempelstelle. Feierlich stempelte ich an der entsprechenden Stelle. Das ist Lohn genug für die vorangegangenen Strapazen. Bobby freute sich, denn es gab eine Hundewurst. Wir tranken lediglich etwas. Zu essen hatten wir nichts dabei. Irgendwer hatte ja nur auf die Stempelstellen, nicht auf Einkehrmöglichkeiten bei der Tourplanung geachtet.

Weiter ging es Richtung Eckertalsperre. Dort angekommen konnte Bobby sich ein wenig abkühlen, im Hintergrund der Brocken – herrlich! Wir mussten diese Freude aber bald unterbrechen, denn es wartete die nächste Stempelstelle! Bobby kümmerte es nicht. Er schloss sich uns an und dachte wohl milde: „wenn die unbedingt ihre Stempel brauchen…“

Eckerstausee
Eckerstausee

Von der Eckertalsperre ließen wir auf unserem Weg das Molkenhaus in weiter Entfernung rechts liegen und der „kleine Schlenker zum Burgberg“ zur möglichen vierten Stempelstelle war kein Thema mehr. Mittlerweile waren wir aus irgend welchen Gründen schon über 20 km unterwegs (die Tour war mit 15 km angegeben) und nach dem Abstieg zurück zu den Radauwasserfällen fix und fertig. Bobby war auch ganz schön müde. Aber er sah glücklich und zufrieden aus. Er hat bestimmt jede Sekunde der Wanderung genossen. Ihm ist es egal, wo er ist. Jeder Ort ist für ihn eine Entdeckung. Ihn kümmert kein Trekkingstock, noch eine atmungsaktive Jacke. Und Stempelstellen interessieren ihn nur in soweit, weil es da jedes Mal eine Hundewurst gab. Ich schaute meinen Hund an und mir wurde mal wieder klar, wie viel ich von ihm lernen kann. Und ich finde, wenn es jemand verdient hat Harzer Wanderkaiser zu werden, dann er! Harzer WanderkaiserIch habe das Stempelbuch noch am selben Abend an Bobby weiter gegeben. Er wird mich stets an den wahren Kern das Wanderns, des Unterwegsseins erinnern: Immer im hier und jetzt, den Augenblick genießen – und ganz nebenher auch noch die Stempel sammeln 😉

Zum Nachwandern – Rundwanderung durch das Eckertal mit drei Stempelstellen der Harzer Wandernadel

Die Tour ist  im Wanderführer „Vergessene Pfade im Harz“ von Richard Goedeke beschrieben (Tour 7): Stille Winkel und einsame Pfade beim Eckerstausee, ca. 15 – 20 km).

Wandern vor der Haustür

Für ein Abenteuer muss man gar nicht weit reisen – „Wandern vor der Haustür“. Das ist die tolle Idee von Carolin für eine Blogparade. In ihrem Blog Bergzeiten und Flachlandabenteuer berichtet sie über Berge, alpine Lebensart und Wanderungen mit Kind und Hund – absolut lesenswert! Mit diesem Artikel nehme ich an ihrer Blogparade teil.

Advertisements