Treppen am Meraner Höhenweg
Treppen am Meraner Höhenweg

Kurz nach 18:30 Uhr – Montferthof – Meraner Höhenweg: Die Tür zur Stube geht auf. Sascha und Christian kommen herein und Bobby ist plötzlich wieder hellwach. Er schießt unter der Bank hervor und schlägt kläffend an. „Die kennst du doch“ sage ich etwas überrascht über dieses Verhalten zu ihm. Es ist der Abend nach unserer 5. Etappe. Wir sind in einer uralten und liebevoll erhaltenen, seit 200 Jahren als Erbhof geführten Alm. Hier haben wir ein 3-Bettzimmer – juhu, Bobby freut sich über sein eigenes Bett – unter dem Dach. Und wir nähern uns schon wieder dem Hochgebirge zwischen Ötztaler Alpen und Texelgruppe mit dem zu erwartenden Highlight, dem Eisjöchl (2885 m).

Wenn es Nacht wird in den Bergen dann bleiben die, die unterwegs sind  – Übernachten am Meraner Höhenweg

Nach unserem pysischen und psychischen Tiefpunkt im Gasthof Walde passierten wir am nächsten Tag die Bergstation der Seilbahn in Hochmuth und damit einen der touristischen „Hotspots“ des Meraner Höhenweges.

Wir begegneten italienischen Großfamilien, Rentnergruppen, Kinderwagen und Sandalschlappen-Touristen. Und viele davon gingen den atemberaubenden Hans-Frieden-Felsenweg wie auch wir bis zur Leiteralm. Vielleicht war es die nepalesische Wundersalbe „moov“, vielleicht war es der Hirschtalg, möglicherweise war es die Aussicht auf eine angenehm kurze Etappe (600 Höhenmeter und 11 km) an diesem Tag. Uns ging es einfach fantastisch. Und Bobby mit seinem Hunderucksack war der Star. Besonders die italienischen Familien jubelten fast bei seinem Anblick: „Guarda, guarda, que bello, ah si, si, oh, questo cane, que belissimo… un barbone gigante“ …  ein großer Wanderer. Und die Kinder starrten und weinten und die meisten lachten! Bobby blieb ganz gelassen und zeigt sich von seiner besten Seite. Wir waren uns sicher, dass bestimmt auch ein wenig Glamour auf uns dabei abstrahlte. Und wir waren so stolz auf unseren Wanderhund.

"un barbone gigante" - ein großer Wanderer
„un barbone gigante“ – ein großer Wanderer
Hans - Frieden - Felsenweg
Hans – Frieden – Felsenweg

Schon am frühen Nachmittag kamen wir in der Leiteralm an. Am Tag war es hier noch von Tagesgästen übervölkert. Als wir dann Abends mit den „Hausgästen“ alleine waren, hatten auch die Kellner Feierabend. Der Hüttenwirt und seine Frau kümmerten sich liebevoll und gastfreundlich um uns. Das Essen – wie immer um 18:30 Uhr – war hervorragend. So kann es weiter gehen!Leiteralm

Und dann wenn es Nacht wird kommt eine spezielle Stimmung auf. Es wird ruhig, friedlich. Wenn die letzte Seilbahn ins Tal zurückgekehrt ist dann sind die, die noch da sind unterwegs. Unterwegs wie wir. Einige kennt man schon. Man trifft sich auf dem Meraner Höhenweg. „Ah, da bist du ja wieder“ werden wir begrüßt. Sie meinen Bobby. Aber wir freuen uns auch und wir grüßen zurück und man unterhält sich kurz.

Von der Leiteralm ging es durch morgendliche Nebelschwaden über eine Hängebrücke. Ich erkannte Bobby kaum wieder auf dieser Tour. Ohne zu zögern und völlig unerschrocken ging er mit mir über den 52 m langen Gitterrost hoch über dem Tal.

Giggelberg
„Zimmer im Untergeschoss“ im Gasthof Giggelberg

Die nächste Übernachtung am Giggelberg war die absolute Enttäuschung und fast ein Ärgernis. Nur ganz kurz: Ein Zimmer im „Heizungskeller“ wurde uns als ganz normales Zimmer im Untergeschoss verkauft. Wir wurden wegen Bobby hier einquartiert. Die Wirtin hatte Angst um ihre „neu renovierten“ Zimmer mit Bad und WC. Schön zu wissen, dass es die gibt, während wir uns zum selben Zimmerpreis auf den Gästetoiletten der Gastwirtschaft wuschen. Zudem gab es dort auch eigene Hunde, darunter einen mit großem Interesse an Bobby. Ich konnte Bobbys Kläfferei irgendwann nicht mehr aushalten und machte den großen Fehler, ihn einfach entnervt von der Leine zu lassen. Ab ging die Post und weg waren die beiden irgendwo auf der Alm. Mittlerweile regnete es. Nachdem Wolfgang, mein geliebter Wanderbegleiter und meist die Ruhe bewahrend, unseren Hund irgendwann einfangen konnte, gingen wir  – mal wieder – um 18:30 Uhr zum schlechtesten Abendessen unserer gesamten Tour. Die Wirtin saß jammernd wegen der vielen Arbeit am Personaltisch direkt am Eingang und ließ ihre Kellnerin, der einzige Lichtblick am Giggelberg, das Essen servieren. Die erzählte uns dann noch nebenher, dass die zum Hof gehörende Hündin noch sehr jung sei und recht verspielt und auch irgendwie gerade läufig. Nun wundert uns nichts mehr. Aber ob es nun bald kleine Bobbys gibt, werden wir wohl nicht erfahren…

Zimmer in der schönen Leiteralm - so gut hätten wir gerne geschlafen am Giggelberg
Zimmer in der Leiteralm – so gut hätten wir gerne geschlafen am Giggelberg

In dieser Nacht im Heizungskeller habe ich sehr schlecht geschlafen, mein zweiter Tiefpunkt dieser Tour. Ich überlegte ernsthaft, am nächsten Tag die Gondel die vom Giggelberg ins Tal führt zu nehmen und bis zur nächsten Hütte mit dem Taxi zu fahren. Wolfgang reagierte entsetzt am nächsten Morgen, als ich diese Idee äußerte: „Bist du verrückt? Wir ziehen das durch. Heute wartet die 1000-Stufen- Schlucht! Ja genau diese Schlucht schien mir in meinen nächtlichen Überlegungen unüberwindbar. Sind wir nicht schon genug Treppen auf und ab gegangen? Aber der Tag erwachte und vertrieb die Geister der Nacht und wir brachen auf. Und was hätte ich verpasst!

1000 - Stufen - Schlucht
1000 – Stufen – Schlucht

Ja, wir sind schon viele Stufen gegangen. Aber hier gab es alles an Stufen, was man sich nur vorstellen kann: Steinstufen, Holzstufen, Metallstufen, Erdstufen, alles durcheinander und gleichzeitig in verschiedensten Höhen. Bobby und Wolfgang gingen meist voraus und ich kroch hinterher. Aber die Ausblicke waren so unglaublich schön und dieses Treppengeschlängel so spektakulär, dass die Anstrengung im Bewusstsein ganz weit weg war.

Und hier auf den Treppen traf man sich wieder. Mittlerweile erreichten wir eine Gegend, wo sich kaum noch Tagesgäste hin verirrten. So traf man oft die selben Leute, die erschöpft Pause machten während wir an ihnen vorbeizogen oder umgekehrt, an schönen Aussichtspunkten, in der nächsten Alm. Kurz vor dem Montferthof, zogen dann Sascha und Christian, der eine im lockeren Endspurt, der andere wie eine schnaufende Dampflock an uns vorbei. Im Montferthof, unserem Etappenziel, trafen wir sie wieder. Ebenso wie die beiden Lehrerinnen aus Bayern, die sich bergauf, bergab die 1000 Stufen munter unterhalten haben. Wow, da müssen noch Kraftreserven vorhanden sein!

Etappenziel Montferthof
Etappenziel Montferthof

Und mal wieder um 18:30 Uhr gab es Essen. Wir saßen schon hungrig an den gedeckten Plätzen, als die anderen herein kamen und Bobby kläffte, als wären es Eindringlinge. Das macht er in normalen Restaurants und Gaststuben nicht. Er scheint zu unterscheiden, ob es sich nur um ein Essen handelt oder ob das hier unser zu Hause für eine Nacht ist. Es ist erstaunlich, wie schnell er den Rhythmus des Unterwegs seins angenommen hat und sein kleines Revier für eine Nacht verteidigt.

Nun wurden dampfende Töpfe auf den Tisch gestellt. Außer den beiden Jungs und den zwei Lehrerinnen saß am Nachbartisch eine Berliner Familie. Wie immer über die Frage, woher und wohin des Weges kommt man ins Gespräch. Es werden Karten ausgebreitet und Wanderrouten diskutiert. Und wenn die Stimmung so gut ist wie an diesem Abend, dann erzählt jeder gerne von seinen persönlichen Erlebnissen und auch Grenzerfahrungen. Für manche wie Christian (die „Dampflock“) und auch für mich beinahe am Meraner Höhenweg erreicht, machen andere Nordpol-Touren durch taghelle Tage und taghelle Nächte ganz ohne Schlaf. So wie der Berliner am Nachbartisch es gemacht hat. Und er erzählte von dem Glücksgefühl, es geschafft zu haben. Mit dieser Geschichte wollte er die beiden Lehrerinnen motivieren, ihre geplante Tour morgen auf jeden Fall zu gehen. Das was wir für die nächsten zwei Tage vor hatten, wollten die beiden an einem Tag machen. Alle am Tisch rechneten wie wild die Höhenprofile und Wegzeiten aus und  es kamen große Zweifel auf, ob das schaffbar ist. Es war schön. Es war lustig. Wir fühlten uns besonders hier oben, weit weg von allem Banalem und Alltäglichem. Und ich erwähnte nebenbei, dass ich im Himalaya war. Und schwupps, war ich die, die den K 2 bestiegen hat. Ich wollte zwischenhaken und richtig stellen, dass ich ich auf einer Höhe von knapp 4000 m auf der „Apple-Pie-Runde“ um den Annapurna gescheitert bin. Es ist untergegangen. Hier ist nur Platz für Helden – wenn es Nacht wird in den Bergen!

Helden am Berg
Helden am Berg

Wie es weitergeht – der Höhepunkt, die Eisjöchl – Überquerung lag ja noch vor uns – und wie wir uns in unserer kleinen 2- und 4-beinigen „Seilschaft“ so organisiert haben gibt es bald in Teil 3 Meraner Höhenweg. Und jetzt erst mal Gute Nacht 😉

Hier geht es zum Teil 1 Meraner Höhenweg: Mit schweren Beinen hoch über Meran

Hier geht es zum Teil 3 Meraner Höhenweg: Der Rhythmus des Wanderns

Hier geht es zum Überblick der einzelnen Etappen unserer Tour und Links zu allen Artikeln: Meraner Höhenweg

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