texelgruppeMorgens 7:00 Uhr Eishof – wir brechen auf in den Sonnenaufgang. Unsere siebte und letzte Etappe des Meraner Höhenweges liegt vor uns. Wir blicken zurück auf sechs Tage und sieben Nächte unterwegs. Wir haben die spektakuläre 1000-Stufen-Schlucht und den schwindelerregenden Hans-Friede-Felsenweg passiert. Wir haben bis hierher fast eine Tube Hirschtalgsalbe verbraucht und haben unsere Rucksäcke verflucht. Wir sind jeden Tag weiter gegangen. Und es hat sich was verändert.

Mehrtageswanderung mit Hund am Meraner Höhenweg – und plötzlich ist da Vertrauen

Es hat sich so etwas wie Routine im Tagesablauf eingestellt.  Vieles ist immer gleich: Ankommen am Etappenziel, Zimmer beziehen, Rucksack auspacken, alles auf den wenigen Abstellmöglichkeiten ausbreiten, duschen gehen, ein paar Kleidungsstücke durchwaschen und aufhängen. Dies ist die Zeit in der Bobby seine Ruhe findet. Kaum auf dem Zimmer angekommen dauert es keine paar Sekunden, da fallen ihm auch schon die Augen zu.huette

Wenn wir früh genug da sind und die Umgebung so wunderschön ist wie hier am Eishof, dann geht es noch mal raus: Entspannen, ein Weizenbier trinken und dabei die Natur betrachten bis es dann wie immer um 18:30 Uhr für die Hausgäste Abendessen gibt. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück wird wieder alles Hab und Gut an seinen Platz im Rucksack verstaut und meist so gegen 9:00 Uhr geht es wieder weiter. Man grüßt die anderen Wanderer und wünscht einen schönen Tag. Auch wenn man sich kennt und den Abend zusammen verbracht hat geht jeder wieder für sich nach seinem eigenen Rhythmus. So machen es auch wir in unserer kleinen 2- und 4-beinigen Seilschaft. Oft sprechen wir gar nicht viel in diesen Situationen. Wir gehen einfach und Bobby geht mit. Auch wenn er kurz vorher noch  verschlafen die letzten Minuten im Bett verbracht hat. Wenn wir losgehen, dann geht er auch – mit uns – natürlich, was sonst?

Gemeinsam gehen am Meraner Höhenweg
Gemeinsam gehen am Meraner Höhenweg

Gehen – mit uns? Keine Selbstverständlichkeit! Seit Jahr und Tag  trainierten wir an Bobbys Aufmerksamkeit uns gegenüber. Wir versuchten uns interessant zu machen, Blickkontakt zu bestätigen, Spaziergänge abwechslungsreich zu gestalten. Alle erdenklichen Methoden, die zu einem Laufen an lockerer Leine führen sollten haben wir ausprobiert. Wir haben versucht, den Abruf durch Superpfiff und Leberwurst zu konditionieren. Und vieles klappte auch schon ganz gut und immer besser. Doch die Unsicherheit blieb. Wird er den nächsten Hund, Passanten, Nachbarn ankläffen und in die Leine springen? Wird er davon schießen, wenn wir ihn von der Leine lassen? Auch wenn Alles 100-mal gut geht, das 101te Mal darf nicht passieren: das Kind am Horizont im vollen Lauf stoppen oder den älteren Herrn, der ihn nur streicheln will,  in die Hand schnappen. So versuchte ich stets noch mehr Kontrolle über alle Situationen zu kriegen und alle Gefahren möglichst im Vorfeld zu erkennen, um entsprechend prophylaktisch zu reagieren.

Und was passiert hier am Meraner Höhenweg? Wir wissen nicht, was auf uns zu kommt. Wir müssen den Weg nehmen wie er kommt. Wir sind auf uns und auf den Weg fokussiert. Wir gehen einfach – und Bobby folgt uns. Er folgt uns überall hin: über eine Hängebrücke – noch vor Kurzem undenkbar – über Felsen, unter Elektrozäunen durch, über Wassergräben, entlang steiler Schluchten, vorbei  an Kühen, Ziegen, Großfamilien und Mountainbiker.

Meist geht Bobby ohne Leine. Manchmal drehe ich mich erschrocken um – wo ist er? Dann sehe ich ihn knapp hinter meinem Knie, das er gerade so nicht berührt. Er schaut mich fragend an: „Ist was?“

Und so ging dann unsere kleine Seilschaft auch an diesem Morgen am Eishof– früher als sonst – zum Sonnenaufgang los. aufstieg-zum-eisjoechl

Am vorherigen Tag ging es vom Montferthof hinauf bis zum Eishof. Keine Wolke trübte den stahlblauen Himmel. Unmerklich ist auch das Gehen zu einer Art Routine geworden. Das Gefühl von Anstrengung wich immer mehr dem Genuss und dem Erlebnis. Und was war es schön gestern! Auf der Strecke lagen mehrere Almen. Je nach Höhenlage hießen sie Unterkaser-, Mitterkaser- und Oberkaseralm.

Unterkaser Alm am Meraner Höhenweg
Unterkaser Alm am Meraner Höhenweg

Und wie die Namen schon sagen: Hier gibt es natürlich Käse und auch Schinken und natürlich tolle sonnige Plätze.  Und natürlich kehrten wir überall ein. Und wir trafen immer wieder die Leute, die wir schon kannten und andere, die wir noch nicht kannten. Und alle lachten und alle sahen genauso aus, wie ich mich fühlte: glücklich. Und Bobby war dabei. Er gehörte dazu. Und spätestens als der Speck von unserer Brettljause in seinem Futternapf landete, war auch er im Paradies angekommen.

Der Eishof dann – kaum möglich – bietet noch eine Steigerung. Wir sind im Pfossental, ein weites Hochtal irgendwo ganz weit weg von allem, was irgendwie mit Stress zu tun hat. Kühe weiden auf grünen Almen, rundherum strahlende Berge, blauer Himmel. Liegestühle sind bereitgestellt um sich den besten Film der Welt anzuschauen: die Natur.

Mit diesen Bildern und Eindrücken starteten wir nun zu unserer letzten Etappe unserer Wanderung am Meraner Höhenweg. Es ging Richtung Eisjöchl, mit 2858 m der höchste Punkt unserer Tour.

Mittlerweile hatte sich unsere kleine Seilschaft eingespielt. Am Anfang haben wir noch hin und her gewechselt. Wer achtet auf den Hund? Wer nimmt wie viele Trekkingstöcke? Wer nimmt die Leine? Letztendlich war es nach kurzer Zeit immer so, dass Wolfgang voraus ging, dicht gefolgt von Bobby, ich in einem gewissen Abstand hinterher. Und da machten wir dann auch am letzten Tag keine Experimente mehr. So ging es los Richtung Hohe Weiße und Kleine Weiße – Richtung 3000er. Auf dem ehemaligen Militärpfad ging es mit einer mäßigen Steigung stetig bergan. Als die Sonne dann hinter den Bergspitzen hervorkam, erschien alles um uns Herum als Schattenriss und die Berge leuchteten im hellen Morgenlicht.

Wolfgang war wie immer deutlich schneller unterwegs als ich, und auch wie immer dicht gefolgt von Bobby. Es war ein wahrer Genuss die beiden von hinten zu beobachten. Bobby ging konzentriert, ruhig, absolut leichtfüßig und trittsicher und dabei entspannt. Er wartete ab, wenn Wolfgang den nächsten Schritt überlegte, um dann wieder wie eine Einheit mit ihm weiter zu gehen. Ich liebe meine beiden geliebten Wanderbegleiter!

mit-hund-am-meraner-hoehenwegManchmal lag ich so weit hinten, dass ich die beiden aus dem Blick verlor. Im gleichen Moment kam Bobby schon um die Ecke um zu schauen, wo ich bin. Er wartete kurz um sicher zu sein, dass ich auch hinterher komme. Dann schloss er sich wieder Wolfgang an. Jedes Mal wenn er das tat, ging mein erneut das Herz auf. Mein Hund, mein Bobby! Er wartet auf mich, er achtet auf mich, er fragt mich. Und ich habe ihm die Freiheit gegeben, das tun zu dürfen. Ich habe ohne es zu merken, aufgehört ihn zu kontrollieren. Auf einmal sehe ich ihn, seine Persönlichkeit, seinen Charakter, seine Stärken – ich vertraue ihm.

Bobby hat mich immer im Blick
Bobby hat mich immer im Blick

Dieses Gefühl trug mich förmlich die letzten Höhenmeter dieser Tour nach oben. Eine fantastische Fernsicht erwartete uns. Und auf der Stettiner Hütte trafen wir alle wieder: Sascha und Christian und die anderen, die an diesem Tag früh aufgebrochen sind. Von hier oben sahen wir schon unser Ziel und das Ende der Tour: Pfelders mit dem Gasthof Zeppichl – 1500 Höhenmeter bergab trennten uns noch davon.

Stettiner Hütte
Stettiner Hütte

Der Abstieg war tatsächlich, wie es auch in unserem Wanderführer nachzulesen war, ziemlich anstrengend. Und obwohl es von oben so nah aussah, gingen wir noch 4 Stunden bis wir uns alle wieder trafen am Anfang des Passeiertals in der Lazinser Alm. Und hier feierten wir unseren Weg und den herrlichen Tag. Die letzten paar Hundert Meter bis zum Zeppichl gingen wir dann das erste Mal auf dieser Tour alle zusammen, mittendrin Bobby – un barbone gigante – ein großer Wanderer!

Anwolf - Unterwegs im Rhythmus des Wanderns
Anwolf – Unterwegs im Rhythmus des Wanderns

Das war unser großes Abenteuer am Meraner Höhenweg. Und tatsächlich sind wir irgendwie nicht mehr die gleichen, die eine Woche vorher im Gasthof Zeppichl gestartet sind. Jetzt geht der Alltag wieder los. Aber ich bin mir sicher, dass die Erlebnisse und die Erinnerung auch diesen verändern. Wohin das führt? Mal sehen – ich bleibe unterwegs!

Hier geht es zum Teil 1 Meraner Höhenweg: Wenn es Nacht wird in den Bergen

Hier geht es zum Teil 2 Meraner Höhenweg: Mit schweren Beinen hoch über Meran

Hier geht es zum Überblick der einzelnen Etappen unserer Tour und Links zu allen Artikeln: Meraner Höhenweg

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