Es ist Herbst – eindeutig. Das merkt man hier im niedersächsischen Flachland spätestens dann, wenn man sich irgendwann fragt, ob es noch eine andere Farbe als grau am Himmel gibt. Ab und zu wird dieses Grau durch eine sehr starke Luftfeuchtigkeit unterstützt, die zeitweise in eine Art Sprühregen übergeht. Ich habe festgestellt, dass ich an diesen trüben Herbsttagen mit Bobby oft an Orte fahre, wo ich landschaftlich nicht viel erwarte, da vermeintlich bei diesem Wetter sowieso alles gleich aussieht.elm-asse

Lappwald Elm und Asse – Wanderwege mit Hindernissen

Immer wieder fahre ich an solchen Tagen in den Elm-Lappwald. Diese bewaldete Erhebung unterbricht  irgendwo zwischen Harz, Berlin, Hannover und Lüneburger Heide die dort übliche platte Landschaft. Wir befinden uns in der Gegend zwischen Braunschweig und Helmstedt im ehemaliges Zonenrandgebiet – früher Todesstreifen – heute grünes Band – Niemandsland?

Meine Ausflüge in den Elm endeten allerdings meistens nach kurzer Zeit in einer der Waldgaststätten, von denen es dort einige gibt. Entweder waren die Wege durch den Wald so langweilig oder der Sprühregen ging dann doch in ein plötzliches Gewitter über oder ich hatte einfach spontan mehr Lust auf Kaffee und Kuchen als auf eine Wanderung.

Buchenwald Elm-Lappwald
Buchenwald Elm-Lappwald

Hier öffnet sich dann eine andere Welt: Seniorengruppen bevölkern das Kuchenbuffet, Kaffeeduft liegt in der Luft und es herrscht eine heimelige Atmosphäre.  Und tatsächlich: dieser Kaffee- und Kuchen-  Ausflugstourismus hat eine jahrhundertealte Tradition im Elm.

Cafe Reitling mit Tradition
Cafe Reitling mit Tradition

Es ist wieder soweit. Der Himmel zeigt sich im typischen grau und hinzu kommt, dass ich derzeit aufgrund von beruflichen Veränderungen auch unter der Woche Zeit für etwas ausgedehntere Gassirunden habe. Ich nehme mir allerdings vor, diesmal mehr als Torte zu entdecken und recherchierte. „Im Elm gibt es 36 sogenannte Rundwanderwege. Die Wege sind so angelegt, dass sie in der Regel auf einem Parkplatz im Elm beginnen und an gleicher Stelle wieder enden. Durch die Vielzahl der ausgeschilderten Wege, haben Sie die Möglichkeit immer wieder Neues zu entdecken.“  So heißt es auf der Internetseite von Elm-Freizeit. Das klingt interessant. So machte ich mich an einem klassischen grauen Tag auf in den Elm.

Reitlingstal im Elm

Der RW 30 (Reitlingswiesen-Rundweg) sollte vom Ausflugslokal Reitling  „vorbei  an Weiden, Teichen und verschlungenen Pfaden mit herrlichen Ausblicken“  in einer Runde von knapp 6 km wieder zurück zu der dann wohlverdienten Torte führen. Gespannt darauf „Neues zu entdecken“, waren nach ein paar hundert Metern die Wege so „verschlungen“ dass beim besten Willen für Bobby und mich kein Weiterkommen möglich war.

verschlungene Pfade im Elm
verschlungene Pfade im Elm

So traten wir den Rückweg an. Ich verkniff es mir, direkt das Kuchenbuffet im Cafe Reitling anzusteuern. Nein, ich wollte diesmal noch nicht aufgeben. Im  Auto lagen weitere Tourenbeschreibungen, die ich vorbereitet hatte. So steuerte ich den Ausgangspunkt einer weiteren Runde an, die Waldgaststätte Watzumer Häuschen (RW13). Dort angekommen musste ich feststellen, dass diese leider (für immer?) geschlossen ist.  So absolvierte ich mit Bobby die ca. 3 km lange Runde durch den Wald, meist auf breiten Forstwegen – wenigstens nicht „verschlungen“. Der Wald war ruhig, unser Spaziergang ungestört und in harmonischem Miteinander.

Lappwald Elm und Asse – Niemandsland mit geschichtlicher Bedeutung  im ehemaligen Zonenrandgebiet

Zum Glück fährt Bobby gerne Auto. Denn nun hatte ich die ganze Zeit versucht, das Thema Torte aus meinem Kopf zu verbannen, so dass es sich umso fester eingebrannt hatte. Mit dem Auto durch die Landschaft fahrend, passierten wir kleine Ortschaften mit romanischen Kirchen und mittelalterlichen Hof- und Burganlagen. Ja, diese Gegend hatte eine historische Bedeutung. „Die Wiege der Welfen“ habe ich mal irgendwo gelesen.

Diese großen Zeiten liegen lange zurück. Die jüngere Vergangenheit der deutschen Teilung prägt den derzeitigen Charakter wahrscheinlich deutlicher. Ebenso wie ein weiteres trauriges Kapitel der Region um Elm und Asse. Stets wird man von einem gelben A, meistens zusammengezimmert aus drei angemalten Holzscheiten, begleitet.  An Hauseingängen, in Küchenfenstern oder an Hauswänden, überall begegnet man diesem Symbol.

In der ehemaligen Schachtanlage Asse wurde Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre Atommüll eingelagert. Soweit ich weiß, befand man sich noch in der Forschungsphase und das Ganze war nicht als Endlager gedacht. Aber was erst mal drin ist bleibt drin. Und irgendwie war dann der als „sicher“ eingestufte Salzstock, doch nicht so geeignet und einige Fässer brodeln nun unter der Erde vor sich hin. Das gelbe A steht für AufpASSEn, eine Initiative, die unter anderem auf die Probleme durch das Atommülllager aufmerksam macht.

Die Weite der Landschaft, im Hintergrund die sanften Hügel des Elms, der graue Himmel,  eine Ahnung von Sonne, die einzelne Flecken der Landschaft beleuchtet – ich lasse meine Gedanken schweifen – wie wunderbar kann langweilig sein.Dann erreichte ich das Ausflugslokal Schunterquelle. Hier verzichtete ich auf weitere Wanderversuche und steuerte direkt die warme Gaststube an. Und ich wurde nicht enttäuscht. Auf die Tortenbuffets im Elm kann man sich verlassen!

Weitwandern im Lappwald Elm – eine neue Idee ist geboren

Der Lappwald Elm und Umgebung – eine Region für den zweiten und dritten Blick.  Bei meinen Recherchen habe ich etwas interessantes entdeckt: den Elmkreisel.  Dabei handelt es sich um eine Mehrtages-Wandertour von insgesamt 75 km und sogar 1090 Höhenmetern.

„Eingerahmt von den Städten Schöningen, Schöppenstedt und Königslutter am Elm erstreckt sich der größte Buchenwald Norddeutschlands im Osten Niedersachsens.Durch den dichten Kronenschluss finden Sie nur wenig Unterholz, Umfassend ausgeschilderte Routen und leicht begehbare Wanderwege garantieren Ihnen ein annehmliches Wandervergnügen. Neben dem Genuss der Natur bietet Ihnen die Strecke des Elmkreisels vielseitige kulturelle Sehenswürdigkeiten.Das Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere – paläon, der Kaiserdom in Königslutter und das Eulenspiegelmuseum in Schöppenstedt runden Ihre Wanderung mit kulturellen Erlebnissen ab.“ (elm-freizeit.de)

Nach dem Meraner Höhenweg im Sommer nun der Elmkreisel im Winter? Unterschiedlicher könnten zwei Mehrtageswanderungen nicht sein. Dort spektakuläre Natur, Abenteuer in der Ferne – hier langweiliger Wald und flaches Land, Begegnungen mit  „Heimat“? Ich schaue zu Bobby. Er liegt entspannt neben dem Tisch im Cafe Schunterquelle und bekommt von meinen Gedanken nichts mit. Er wäre sofort dabei, schätze ich.bobby-im-tiefschlaf

Den Bericht meines Ausflugs zur ehemaligen Grenzanlage bei Helmstedt findet ihr hier:

Grenzgang im deutsch-deutschen Niemandsland

Advertisements