Wir sind in der „Sahara von Polen“. Eine lange Fahrt liegt hinter uns. Von unserer ersten Station in Polen, dem Küstenort Rewal aus, fast noch an der deutsch/polnischen Grenze, zogen sich die gut 200 km bis hierher nach Leba am Slowinzischen Nationalpark wie Kaugummi. Sechs Stunden klapperte unser Geschirr auf holprigen Straßen, quetschten wir uns durch endlose Alleen von Eichen, deren Stämme sich in die Fahrbahn biegen, passierten wir gelbe Gingster- und rote Kornblumenfeldern. Wir sind unterwegs auf unserer ersten Wohnmobilreise mit Hund. Unterwegs in Polen.

Polen – Was soll man da eigentlich?

Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, nach Polen zu reisen. Irgendetwas reizte mich daran. Weil meine Mutter hier ihre Heimat hat, dessen Bedeutung sie strikt abstreitet? Weil Polen irgendwie noch „unentdeckt“ ist? Weil es mal etwas anderes ist?  „Polen wird total unterschätzt“ habe ich immer wieder gelesen. Eine Facebookfreundin schrieb, dass ein „alter Camper“ zu ihr sagte: „Vergiss alles, was du bisher über Polen gedacht hast. Es ist viel besser“.

Auch Störche begleiten unsere Fahrt.

Polnische Ostseeküste mit Wohnmobil und einem Hund, der das Meer nicht mag

Wir hatten zwei schöne Tage in Rewal, einem Küstenort nahe der deutschen Grenze. Wir spazierten hoch oben über dem Meer entlang der Steilküste, blickten auf kilometerlange Strände, fast menschenleer. Aber es waren doch zu viele Menschen, als dass wir mit Bobby unten am Strand gehen konnten. Der Sand, das Meer, das alles ist Bobby von jeher unheimlich. Wenn ihm dann noch ein Mensch oder gar ein Hund in die Quere kommt, dann flippt er aus. Er kläfft, dreht sich im Kreis, schnappt in die Luft oder nach uns. Wir haben es immer und immer wieder versucht, wohldosiert. Aber ein entspannter Spaziergang – unmöglich.

Trotzdem kamen wir im Urlaub an, fanden einen Rhythmus. Routinemäßig sortierten wir für das Frühstück alle Utensilien aus den Schachteln und Boxen, hantierten mit dem Campinggeschirr virtuos auf dem kleinen Gasherd ohne dass es nur einen Kaffeefleck auf der Polstergarnitur gab (der pingelige Chef unsers Wohnmobilverleihers schwebt stets wie ein Damoklesschwert über all unseren Handlungen), um dann nach dem Frühstück und der erfolgten Geschirrwaschung in einer der Abwaschstationen, alles wieder an seinen Platz zu verräumen. Bobby nimmt in dieser Zeit seinen Platz vor dem Wohnmobil ein. Nebenan wohnten zwei Australian Shepards. Gegenüber ein weißer und ein deutscher Schäferhund, schräg links eine Dackeldame. Es ist erstaunlich, wie sich auf Campingplätzen alle Hunde ruhig vor ihrem zu Hause aufhalten. Es wird geschaut, beobachtet, man lässt sich in Ruhe. Auch Bobby, der ja beim  Anblick anderer Hunde eher zu Aufregung neigt, hält sich an diese Regel.

Zwei Nächte waren wir auf dem Campingplatz in Rewal. Es blieb Zeit, die Ortschaft zu erkunden. Und schön war es: die schattigen Wege hoch oben auf der Steilküste mit weiten Blicken über das Meer, das bunte Treiben eines Küstenurlaubsortes, der polnische „Mittagstisch“: Dorsch, der nach Gewicht verkauft wird. Wenn man keinen Gewichtswunsch äußert (z.B. aufgrund mangels polnischer Sprachkenntnisse) bekommt man wohl das größte vorhandene Filetstück. Bobby fand das toll, denn es blieb immer etwas übrig. Auch er mag Dorsch.

Dorsch XXL

Roadtrip Polen – Zwischen Schlagloch und polnischer Gelassenheit

Aber wir sind unterwegs auf einem Roadtrip. Das bedeutet unweigerlich, dass man irgendwann weiter muss. Bei 14 Tagen Urlaub ist dieser Zeitpunkt eher früher als später. So ruckelten und schepperten wir an diesem Tag die 200 km nach Leba. Fahrzeiten muss man mit Wohnmobil und besonders in Polen anders planen. Erst am späten Nachmittag erreichten wir den Parkplatz des Slowinzischen Nationalparks, der auch für diese Nacht unser Standplatz sein sollte.

Eine große Gruppe Kinder, jedes Kind mit einer roten Kappe auf dem Kopf, läuft über den Parkplatz, alle steigen in den dort wartenden Reisebus und fahren ab. Wir sind nun alleine dort. Wir steuern den Eingang des Nationalparks an. Dieser wurde 1972 von der UNESCO zum Welt-Biosphärenreservat ausgezeichnet und umfasst ein riesiges Areal von Buchenwald. Ob sich das noch lohnt, heute überhaupt noch hinein zu gehen?

Am Kassenhäuschen versuche ich herauszukriegen, wie groß der Park ist und welche Möglichkeiten man zum wandern hat und ob es außerhalb des Parks auch schöne Spazierwege gibt. Wir wussten, dass die Dünen ca. 7 km entfernt liegen und wir wussten, dass wir diese Strecke heute nicht mehr gehen wollten. Der Herr an der Kasse und ich verstehen gegenseitig kein Wort. Mein polnischer Sprachführer liegt dummerweise ungelesen im Wohnmobil. Wolfgang kommt hinzu und fragt nach dem Preis: Sieben Slotti (weniger als zwei Euro). „Da diskutier ich doch nicht lange“, meinte er bestimmend und zückte sein Portemonnaie. Der Mann im Kassenhäuschen dachte wohl, dass mir der Eintritt zu teuer sei und sagt nun augenzwinkernd: „4 Slotti – students“ Hach, wie peinlich. Aber es scheint uns keiner böse zu sein. Sogleich werden wir gefragt, ob wir mit dem Elektromobil (so eine Art Golfwägelchen) zu der großen Wanderdüne fahren wollen. Und erneut geht die Diskussion los, und zwar darüber, wann die letzte Bahn zurückfährt und ob das mit Bobby, der ja bekanntlicherweise fast panisch auf Strand und Sand reagiert überhaupt so eine gute Idee ist, dort hin zu fahren. Der Herr von dem Elektromobil denkt, dass uns die Fahrt der letzten Bahn um 19:00 Uhr zu früh sei und fragt, wann wir denn zurückfahren wollten: „Halb acht? Acht Uhr?“ Er würde uns jederzeit abholen. Und wieder diskutieren wir. Was ist, wenn wir mit Bobby gar nicht auf die Dünen gehen können? Dann stehen wir dort und müssen warten. Hinzu kommt, dass für den Abend Gewitter angesagt ist. Bobby im gehassten Sand und dann noch Gewitter?! Ohne all diese Fragen endgültig geklärt zu haben, steigen wir in das Wägelchen, das ein irres Tempo entwickelt. Bobby fest an Wolfgang geschmiegt schnuppert und jault ab uns zu, irgendetwas zwischen Aufregung, Angst und Euphorie scheint ihn zu begleiten. Das Reh, dass vor uns den Weg kreuzt und auf das uns der Fahrer freudig hinweist, sieht er zum Glück nicht.

Die polnische Sahara – 1 Hund 2 Menschen und Sand so weit das Auge reicht.

Wir erreichen die Düne. Ich zweifele noch an der ganzen Aktion, da ich mir nicht vorstellen kann, dass wir mit Bobby hier spazieren gehen können. Wolfgang legt sich zum Glück fest: „Jetzt sind wir hier, jetzt will ich da hin.“ Er vereinbart den Abholtermin mit dem Fahrer, der düst mit seinem Golfwagen davon. Wir sind wieder alleine.

Ganz langsam gehen wir am Waldrand, der nach und nach von der Düne verschlungen wird (die Düne arbeitet sich bis zu 9 Meter im Jahr ins Land hinein las ich im Reiseführer) und besteigen den ersten Sandberg. Dort legen wir eine Pause ein und Wolfgang zieht eine Dose Bier aus der Tasche. Hach, in so einem Moment weiß ich was ich an ihm habe 😊 Wir saßen im Sand, tranken das kühle Bier, Bobby versuchte die Düne abzutragen und wir genossen den Moment. Irgendwann gab sich Bobby dem Sand geschlagen und wir spazierten über die Dünen, durch die „Sahara von Polen“.

Glücklich über dieses unerwartet grandiose Erlebnis nach dieser langen anstrengenden Fahrt, geht es mit dem Golfwagen (der Fahrer holt uns pünktlich um 19:30 Uhr ab) zurück. Am Wohnmobil angekommen donnert es, das erwartete Gewitter zieht auf. Wir machen die Schotten dicht, stellen unsere Notration Ravioli auf den Herd und verbringen unsere erste Nacht auf einem „wilden“ Stellplatz, um uns herum nur Natur.

Vergiss alles was du bisher über Polen dachtest? Ich weiß gar nicht, was ich über Polen dachte. Dass wir noch heute dieses Land und die vielen Schlaglöcher verflucht hatten, ist in dem Moment auf jeden Fall vergessen. Und manchmal ergibt das Ganze auch einen Sinn. Durch die lange Fahrt und unsere späte Ankunft hatten wir den Nationalpark exklusiv für uns alleine. Wir waren am nächsten Tag noch mal mit den Fahrrädern dort. Wir begegneten Menschenmassen, vielen, vielen Kindergruppen mit bunten Kappen. Wir mussten nach der Besichtigung der Raketenabschussrampe (Hier gab es in den 40er Jahren ein Versuchsgelände für Raketen und nun eine Ausstellung dazu. Wolfgang fand das interessant. Ich fügte mich.) unseren Ausflug abbrechen, da Bobby einfach nur gestresst war. Nun ja, Raketen? Wahrscheinlich einfach schlechte Vibration 😉

Kinder bestaunen Raketen.
Ich habe auch etwas gefunden: Unser neuer Camper?
… Roadtrip old fashioned…

 

Zum Nachreisen: Roadtrip Polen mit Hund – Die Ostseeküste mit polnischer Sahara

Rewal:

  • Campingplatz Nr. 192 Camping Kliff. Preis: knapp 20 Euro.

Leba:

  • Parkplatz am Eingang des Slowinzischen Nationalparks direkt am Lebsko-See: Gebühr für eine Nacht ca. 7 Euro.
  • Campingplatz Nr. 21 Morski. Preis: knapp 20 Euro

Die Campingplätze sind absolut sauber, großzügig und meiner Ansicht nach regelrecht luxuriös. Echt empfehlenswert.

Weitere Reiseberichte unseres Roadtrips durch Polen:

So ging die Reise weiter: 2000 km Roadtrip Polen: Ostsee, Ritterburgen und Städte mit Hund und Wohnmobil in 14 Tagen. Es geht! (Burgen, Schlösser und Städte entlang der Weichsel plus Breslau und ein erstes Fazit zum Reisen mit Hund im Wohnmobil)

Hier geht es zum ersten Teil unserer Reise: Verpackungskünstler oder 1 Hund, 2 Menschen und 6 Meter Wohnmobil (Die Abreise und erste Eindrücke)

Anwolf – Unterwegs in der polnischen Sahara
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