Ich gebe zu, ich hätte netter sein können. Dir mit mehr Wohlwollen entgegentreten können. Meine Begeisterung für dich zum Ausdruck bringen können. Aber du hast mich auch schon so oft enttäuscht. Ich musste mich über dich ärgern. Du machst es mir manchmal einfach schwer, dich zu mögen.

Aber von vorne: Ich bin unterwegs auf der TourNatur in Düsseldorf, eine Outdoor- und Wandermesse. Ich bin auf der Suche nach Inspiration. Und ja, ich bin gespannt, wie sich der Harz, mein geliebt-gehasstes Heimatgebirge, hier präsentieren würde. Gemeinsam mit Silvana vom wunderbaren Kalte Schnauze Blog treibe ich über die Messe. Wir bleiben hier und da stehen. Positive Stimmung schwappt uns entgegen.

Fast buche ich eine Schwarzwaldreise. Dabei ist uns lediglich ein elf Kilometer langer prämierter Wanderweg vorgestellt worden. Ich habe das Gefühl, ich könnte mindestens eine ganze Woche mit all diesen Naturerlebnissen füllen, die mich auf den elf Kilometern erwarten würden.

Für den Kaiserstuhl will ich sofort meine Wanderschuhe an den Nagel hängen und mich durch all die romantischen Weingüter trinken. Ich möchte am liebsten überall gleichzeitig hin. Eine Region klingt vielversprechender als die andere.

Der Harzer Hexenstieg. Und was gibt’s sonst noch so im Harz?

Dann nähere ich mich dem Harz. Und dann fällt mir gar nicht mehr ein, was ich da will. Ich höre mich fragen: „Was soll denn eigentlich an dem Harzer Hexenstieg so toll sein? Ich finde gerade diese Abschnitte im Harz nicht so schön.“ So oder so ähnlich kommt es mir über die Lippen. „Nun ja, kein Wanderweg ist überall schön. Das ist doch ganz normal“, wird mir entgegnet. Dann folgt betretenes Schweigen. „Ach so, und was gibt es sonst noch…? Ähem, ja ich nehme mir dann mal den Prospekt mit.“ Silvana und ich ziehen von dannen. Ohne Reisepläne für den Harz. Typisch Harz. Ich fühle mich verschmäht. Missverstanden. Bestätigt.

Wo geht die Reise hin?

Ach, lieber Harz. Vielleicht will ich in dir etwas anderes sehen als das, was du bist. Ja, vielleicht bin ich tatsächlich der Meinung, dass ich besser weiß als du selbst, welche Qualitäten in dir stecken. Ich wünsche mir, dass du die Seiten zeigst, die ich an dir liebe und nicht die, die du vermeintlich von dir zeigst. Oh je, stecken wir tatsächlich in einer Beziehungskrise?

Viel zu oft stand ich vor geschlossenen Gasthaustüren. Längst geschlossen. Vor Kurzen geschlossen. Wegen Betriebsurlaub (in der Hochsaison) geschlossen. Oder einfach so, heute mal geschlossen.

Erst mal nur heute geschlossen.
Seit Kurzem geschlossen.
Vor langer Zeit geschlossen (mittlerweile abgerissen).

Warum musste ich auf den Großparkplatz Torfhaus (übrigens ein Teil des Harzer Hexenstiegs) in die Bavaria Alm ausweichen, als ich meinen ersten harztypischen Windbeutel essen wollte (nachdem alle anderen angesteuerten Gastronomien geschlossen oder die Häkelgardinen einfach zu abweisend waren)? Warum wurde mir dann dort entgegnet: „Windbeutel haben wir nicht. Sie können neun Kilometer Richtung Braunlage fahren. Da gibt es welche“. In der Abenddämmerung, nachdem wir genau aus dieser Richtung kamen, blieben wir in Torfhaus und aßen bayerischen Apfelstrudel. Diesen hat uns die Kellnerin aber nicht angeboten. Wir hatten nach Windbeutel gefragt. Sie hat uns korrekt geantwortet. Wir mussten sie an unseren Tisch zurück winken, nachdem wir vom Nachbartisch eine Speisekarte abgestaubt hatten. Die Kellnerin dachte, für uns sei die Angelegenheit durch nicht vorhandene Windbeutel erledigt.

Bayersiche Leckereien in Harzer Gastlichkeit.

Und warum werde ich in einem Selbstbedienungsrestaurant (eines der vielen im Harz) zurechtgewiesen, wenn ich freundlicherweise mein Geschirr zurückbringen möchte?  „Rückgabe ist dort drüben, steht doch da!“ Und was ist eigentlich „Kult“ an matschiger Erbsensuppe in Kantinenatmosphäre oder Soljanka mit labbrigem in Dreiecke geschnittenem Toastbrot?

Erbsensuppe am Brocken. Eine Bahnhofskantine ist Kult?

Und dann noch etwas: Diese ganzen Hexen und Teufel, was soll das eigentlich? Wen willst du damit überzeugen? Diese fürchterlichen Hexenpuppen und Reisigbesen-Dekorationen sind doch alles andere als einladend.

Ganz zu schweigen vom „Wintersportparadies“ Harz. Den ganzen Winter über wird damit geworben. Auf Schnee wartet man meist vergeblich. Schneit es dann mal wie letzten Winter, bricht ein heilloses Chaos aus. Straßen und Parkplätze sind nicht geräumt. Stau bis ins Harzvorland. Warnungen im Radio, den Harz bitte großräumig zu umfahren. Ich verstehe das alles nicht.

Geräumte Fußwege im Kurort Altenau? Fehlanzeige.
Verkehrschaos durch chaotische Räumfahrzeuge bei Torfhaus

Ebenso wenig kann ich Attraktionen wie der „längsten Hängebrücke der Welt“ etwas abgewinnen. Diese führt direkt neben einer Staumauer, auf der sich eine Straße befindet über eine Talsperre. Bungee Jumping und Flying Fox runden das Angebot ab. Ein angeschlossener Großparkplatz sichert die bequeme Anreise. Bestimmt gibt es auch Erbsensuppe. Ein Vergnügungspark im Harz, gut besucht. Ich bezweifele, dass der Harz als Region durch diese Art von Attraktionen profitiert. Das Geschäft wird punktuell gemacht. Große Ketten und Unternehmen florieren, während man in den traditionellen Harzortschaften vor verschlossenen Türen steht.

Marketing für den Harz: Vergnügungspark oder Naturerlebnis?

Vielleicht bin ich ungerecht. Warum sollte die Entwicklung „das Einkaufszentrum lebt, der kleine Einzelhändler stirbt“ vor dem Harz halt machen? Nein, ich bin nicht ungerecht. Ich gehe in die Natur weil ich genau das nicht erleben möchte. Ich möchte ein kleines Stück heile Welt erleben. Ich möchte in Ruhe durchatmen. Im Hier und Jetzt ankommen. Ich möchte bestenfalls wieder einmal daran erinnert werden, wie wunderbar jeder kleine Fleck dieser Erde ist. Ich möchte kein höher, weiter, größer.

Und deswegen liebe ich das Wandern. Der Harz ist einzigartig und vielseitig. Sei es die Bergbauvergangenheit mit spannender Industriekultur, die Blütezeit der Harzer Kurbäder Anfang des 20. Jahrhunderts, die dramatische Teilung Deutschlands mitten durch den Harz, sowie das grüne Band entlang der zum Glück ehemaligen Grenze, in dem sich eine einzigartige Flora und Fauna erhalten hat. Völlig fasziniert bin ich auch von dem Wandel des Waldes vom Industriewald zurück zum Urwald. Viele sind verstört von dem Anblick der toten Fichten. Aber hier entsteht Neues, Kleines, Einzigartiges. Diese Entwicklung wird noch Jahrhunderte dauern. Aber das ist die Natur. Da ticken die Uhren anders. Langsamer.

Am Hohnekamm mit Blick auf den Brocken.

Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass man ohne zweifachem Kartenmaterial und GPS-Daten keine Wandertour in den Harz unternehmen sollte. Die Ausschilderung insbesondere der kleinen naturnahen Pfade ist katastrophal. Kein Wunder, dass ein Großteil der Wanderer und Spaziergänger auf den breiten Forstwegen bleibt. Schade nur, dass Ihnen viel Schönes im Harz entgeht.

Hier geht es zum Treppenstieg. Immer dem roten Punkt nach. Ich liebe diesen Urwaldpfad

Aber so sehr ich die Natur liebe, so gerne kehre ich auch in ein nettes Gasthaus, in ein gemütliches Cafe, in eine urigen Alm ein. Und viel zu oft frage ich mich im Harz: Geht das nicht anders? Geht das nicht besser?

Gastronomie im Harz: Erbsensuppe und die Sehnsucht nach Geborgenheit

Ach Harz, ich mag dich wirklich. Deine etwas ruppige Gastfreundschaft ist eben auch ein Teil von dir. Und doch wünschte ich, dass du etwas mehr um mich werben würdest. Es muss ja nicht gleich so offensiv sein, wie ich es in den Alpenregionen erlebe. Dort ist jede Wanderung nicht nur Erlebnis, sondern auch Genuss. Die Streckenführung ist meist perfekt ausgeschildert. Die Hütten liegen eingebettet und harmonisch in grandioser Natur. Ich werde empfangen mit dampfenden regionalen Köstlichkeiten und mit „danke schön“ und „bitte gerne“ überhäuft. Ich weiß, das ist professionalisierte Gastfreundschaft und hat mit Ehrlichkeit oft nichts zu tun. Aber das tut gut. Manchmal braucht man einfach ein paar Streicheleinheiten.

An den 70er Jahre Flair habe ich mich gewöhnt. Und ich hole mir meinen Kaffee auch gerne mal selbst ab. Und doch: Manchmal sehne ich mich danach, verwöhnt zu werden. Bedient zu werden. Umgarnt zu werden…

Vielleicht liege ich völlig falsch. Aber wenn ich durch den Harz gehe und die oft wirklich trostlosen Ortschaften mit in die Jahre gekommenen Gastronomien und Hotelruinen sehe, gewinne ich den Eindruck, dass irgendetwas schief läuft.

„Diese Immobilie wird am 27.06.2009 … versteigert.“ Gesehen im August 2017 auf meiner Wanderung am Selketalstieg.

Ich weiß, ich bin im Moment etwas sensibel. Ein Berg von Arbeit wartet täglich auf mich. Und wer dankt es mir? Teilweise muss ich sogar um meinen gerechten Lohn feilschen. Willkommen in der Selbständigkeit! Es gibt Momente, da fühle ich mich den ganzen Aufgaben nicht gewachsen. Man wünscht sich Anerkennung, ohne darum kämpfen zu müssen. Hallo! Ich habe so viel gegeben. Jetzt bist du mal dran! Jeder, der in einer Beziehung mal an diesem Punkt war, weiß genau, dass diese Rechnung nicht aufgeht.

Lieber Harz, keine Sorge. Ich mag dich immer noch. Vielleicht weil du so bist wie du bist. Und ich weiß, wenn ich dich das nächste Mal besuche, ist all der Frust ganz schnell vergessen. Ich werde durchatmen und den Stress des Alltags abschütteln.

Und dennoch könntest du mehr aus dir machen. Deine schönen Seiten besser in Szene setzten. Noch mehr Menschen für deine einzigartige Natur und Kultur begeistern. Und irgendwie hast auch eine Chance auf der Messe TourNatur vertan. Du hättest mich überzeugen können. Du hättest mir zeigen können, das nicht nur ich für dich da bin, sondern auch du für mich. Ich hätte gerne gewusst, warum der Hexenstieg die Auszeichnung „Prämiumwanderweg“ verdient hat. Aber ich bin nicht nachtragend. Ich weiß ja wie du bist. Ich werde immer wiederkommen, denn ich mag dich trotzdem. Bis bald!

Bobby auf dem Weg zum Harzer Wanderkaiser vor dem Stempelkasten am Ferdinandsstein. Allein deswegen müssen wir wiederkommen. Es fehlen noch 133 Stempel (von 222). Die Harzer Wandernadel: Eine wirklich gute Idee vom Harz.
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