Meine Eltern sind echte Mikroabenteurer. Und ich bin mir sicher, die beiden haben noch nie etwas von diesem Begriff gehört, über den ich in letzter Zeit immer wieder stolpere. Sie brauchen nicht offline gehen, das Handy mal zu Hause lassen. Im digitalen Zeitalter sind sie nie angekommen. Aber sie waren ihr Leben lang Reisende. Ausgestattet mit Landkarte und Reiseführer. Bis heute besitzen sie kein Navi im Auto.

Mit dem Alter werden die Reiseziele meiner Eltern näher. Gerade sind sie im Urlaub an der Ostsee. Mein Bruder hat sie mit ihrem eigenen Auto hingefahren, damit sie vor Ort flexibel sind. Dieses Stück Freiheit brauchen sie. Gruppenreisen mit dem Bus? „Na, so alt sind wir nun doch noch nicht!“

Aber es fällt ihnen schwer, sich damit abzufinden, nicht mehr so zu können wie früher. Gerade mein Vater sieht sich selbst noch oft als den verrückten Teenager, dem kein Weg zu weit und kein Berg zu hoch war. Zu merken, dass der Körper einfach nicht mehr so will, kann die Stimmung verdüstern und jeden kleinen Schritt zu anstrengend erscheinen lassen.

Mikroabenteuer Blütenwanderung

Von meinen Eltern habe ich dieses kleine Büchlein: Blütenwanderungen zwischen Harz und Heide. Die Wanderungen sollen zu den „schönsten blühenden Bäumen und Sträucher, Wiesen und botanischen Besonderheiten führen“. Eine großartige Idee für ein Abenteuer zwischendurch vor der Haustür, finde ich. Die Suche nach diesen „Bäumen, Sträuchern und Wiesen“ stellt sich allerdings in der Praxis als Suche nach der Nadel im Heuhaufen heraus. Der Hinweis im Buch, dass die genannten Blütezeiten nur „ungefähre Angaben“ seien, „da die Natur sich nun mal keine Vorschriften machen lässt“, ist dabei nur ein Aspekt, sowie die etwas verwirrenden Ortsbeschreibungen. Immer wieder habe ich mich, inspiriert durch dieses Büchlein, auf die Suche nach „botanischen Besonderheiten“ gemacht. Oft habe ich nicht das gefunden, was ich gesucht habe. Manchmal wusste ich gar nicht mehr, was ich eigentlich suchte. Immer habe ich allerdings kleine Abenteuer erlebt an Orten, von denen ich vorher nicht wusste, dass es sie gibt. Endlich habe ich ein Wort für diese Art von Ausflügen: Mikroabenteuer!

Blüten gesucht. Dschungel gefunden. Irgendwo an der Oker bei Schladen.
Hier mussten die uralten Birnbäume wohl den Stromleitungen weichen. Birnbaumblüte: Fehlanzeige.
Stattdessen gefunden: Löwenzahnwiese. Irgendwo bei Hornburg.

Mikroabenteuer: Meine Eltern sind wahre Vorreiter!

Aber wenn ich echte Abenteuer erleben möchte, dann nehme ich meine Eltern mit auf diese Ausflüge. Dann verlasse ich mich voll auf die beiden. Meine Mutter hat ihre seit Jahrzehnten bewährte Straßenkarte dabei. („Die ist lässt sich so gut falten und es sind wirklich alle Wege und Straßen drauf!“) Mein Vater bringt das Gespür für die besonders lohnenswerten Abzweigungen mit. Immer mit im Gepäck ist ganz viel Erfahrung, Erlebtes und Neugierde für Neues. Sie waren nicht nur viel in der Welt unterwegs, sondern auch in unserer Region zwischen Harz und Heide. Meine Eltern wissen ganz genau, wo alle Blüten zu finden sind. Und sie wissen, wo es anschließend die leckersten Torten gibt.

Unterwegs im Mikroheidegebiet am Heiliger Hain (Südheide)…
… mit anschließender Makrotorte.

Da die Gehstrecken für die beiden inzwischen kurz sein müssen, navigiert mich meine Mutter als Beifahrerin über Feldwege und durch die Wildnis. Mein Vater hat einen Riesenspaß. So liebt er das Autofahren. Und ich bete nur, dass wir nicht im nächsten Schlagloch hängen bleiben. Auf den kleinen Spaziergängen in gemächlichem Tempo erfreuen wir uns an allem, was wir sehen.

Gefunden: Märzenbecher. Im Oderwald bei Wolfenbüttel.
Gefunden: Adonisröschen. Am Fallstein bei Schladen.
Gefunden: Almwiesenblüte. Bei St. Andreasberg im Harz.
Bärenhöhle gesucht. Kinderspielplatz gefunden. An der Steinbergalm bei Goslar.

„Entdecken lässt sich aber überall etwas. Man muss nur danach suchen. Neugierig wie ein kleines Kind sein, die Geschwindigkeit drosseln, entschleunigen. Wer bekannte Pfade verlässt, den Blick auf Verborgenes wirft, findet sie: die klitzekleinen Dinge am Wegesrand, die das Leben manchmal schöner machen können.“ Aufruf zur Blogparade: Die Kleinen Dinge am Wegesrand von Carolin (Berg und Flachlandabenteuer)

Oft steckt tatsächlich in den kleinen Dingen (am Wegesrand) die größte Faszination. Besonders an vermeintlich langweiligen oder alltäglichen Orten – dort wo nicht die „Must Sees“ unseren Blick steuern, sondern der eigene Instinkt uns leitet – überrascht uns das Abenteuer.

Endlose Langeweile im Elm. Nichts verstellt Bobby den Blick auf sein Rudel.

„Abenteuer kann man überall erleben – unabhängig davon, wo man lebt. Es gibt eine dänische Redewendung: Wer über die Türschwelle gekommen ist, hat die Reise halb getan.“ Alastair Humphrey (Buchautor: „Microadventure“) in Spiegel online.

Und deswegen werde ich meine Eltern so oft es geht abholen und mit ihnen über die Türschwelle nach draußen gehen. Sie sind ein Garant für gelungene Mikroabenteuer. Und auf unseren Ausflügen sehe ich die Freude von Reisenden in ihren Augen.

Mit diesem Artikel nehme ich an der Blogparade: Die kleinen Dinge  am Wegesrand von Berg und Flachlandabenteur teil. Danke Carolin für diese wunderbare Inspiration.

Mehr „Mikroabenteuer“ auf meinem Blog:

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