Einmal falsch abbiegen bitte, zu den schönsten Fotospots der Welt!

Nie wollte ich dazu gehören, zu den typischen Touristen. Früher waren das für mich die „Neckermänner“. Ich erinnere mich an eine Situation auf Mallorca vor vielen Jahren, lange bevor es Smartphones und Facebook gab. Ich und mein damaliger Freund sind mit Motorrollern über die Insel gefahren. Kaum eine Menschenseele trafen wir in den Dörfern und den kleinen Buchten. Am nördlichsten Zipfel, dem Cap Formentor, genossen wir gerade den Ausblick als ein Reisebus hinter uns hielt. Die Türen öffneten sich. „Fotostopp – halbe Stunde,“ hörte man eine Megafonstimme. Erst wurden die Felsen gestürmt, danach der kleine Kiosk belagert, dann Postkarten geschrieben. Am Tresen fragte jemand mit fordernder Stimme: “Hamm‘ Sie hier keinen Briefkasten?“ Möglichst schnell sollten die Daheimgebliebenen wissen, was man alles Tolles im Urlaub gesehen hat. Ich wendete mich peinlich berührt ab. Ich wollte nicht, dass ich mit meinen Landsmännern in Verbindung gebracht werde. Pauschaltourismus nach dem Motto „alle Sehenswürdigkeiten in einer Woche, die schönsten Fotospots garantiert im Programm“ – Reisen als Konsum: Nichts für mich!

Enttäuschende Wahrheit hinter makellosen Fotos?

Heutzutage braucht man keinen Neckermannkatalog und keine Reiseleitung mehr, um keine Sehenswürdigkeit zu verpassen. Facebook, Instagram, Blogs und all die „Influencer“ zeigen auf makellosen Fotos die 3 einsamsten Strände mit Wohlfühl- oder die 5 wildesten Wanderwege mit Abenteuergarantie. Die 11 schönsten Fotospots werden ebenso mitgeliefert, sowie die notwendigen „live- und travel-hacks“ zur individuellen Reiseplanung. Schon vor dem Urlaub hat man eine genaue Vorstellung davon, was man sehen wird und vielleicht sogar, was man dabei empfinden wird. Nicht selten ist die Realität eine andere. Biggi und Flo vom Blog Phototravellers haben genau dieses Thema in ihrer aktuellen Blogparade aufgegriffen: Die schönsten Fotospots der Welt – und die Wahrheit dahinter.

Einzigartige Natur im Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien …
… Menschen statt Wasserfall beim näheren Hinsehen.

Eine tolle Idee für eine Blogparade und viele Reiseblogger haben sich schon mit ihren Beiträgen beteiligt. Sie zeigen den Blick hinter die Kulissen der vermeintlichen Traumreiseziele. Man sieht Menschenmassen, die im Gänsemarsch dem Sonnenaufgang entgegengehen und Fotografen, die um die besten Plätze kämpfen. Auch Kreuzfahrtschiffe, aus denen man an einem einsamen Fjord plötzlich von hunderten Kameras angestarrt wird und Müllberge an Traumstränden können die enttäuschende Wahrheit hinter den schönsten Fotospots der Welt sein. Gegen diese Szenerien war die Busladung Neckermänner auf Mallorca eigentlich noch harmlos 😉

Tausendfach gesehen – die schönsten Fotospots der Welt

Und verflixt, auch ich bin scharf auf diese Fotos. Immer wieder erwische ich mich als Teil der Busladung, als digitaler Neckermann sozusagen. Ich erinnere mich, wie ich bei den Krka Wasserfällen getrieben von Kindheitserinnerungen an Winnetou durch den Nationalpark gehetzt bin für das eine Foto, von dem ich eine genaue Vorstellung hatte. Wir waren zuerst am „falschen“ Eingang. Auch dort gab es grandiose Natur. Ich hatte kein Auge dafür. Das war nicht der große Wasserfall von dem Bild in meinem Kopf. Wir waren zu spät dran. „Unbedingt früh morgens hinfahren, da ist es noch noch nicht so voll,“ las ich vorher auf diversen Blogs.

Natur pur im Nationalpark Krka Wasserfälle (Kroatien)
Aber wegen dem kleinen Wasserfall sind wir doch nicht hergefahren?

Endlich angekommen am richtigen Wasserfall, war ich ungeduldig auf der Suche nach dem besten Fotospot. Und ich war nicht die einzige. Einige liefen sogar im Laufschritt von einer Aussichtsplattform zur nächsten. Ihr Zeitlimit war vermutlich auf die Abfahrt des nächsten Schiffes in einer Stunde begrenzt. Ich war enttäuscht von dem Ort, dem ich keine Chance gegeben habe. Und ich schämte mich vor mir selbst, dass ich Teil dieser unschönen Wahrheit hinter den Kulissen der schönsten Fotospots bin. Kein Foto ist so geworden, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Unser „einsamer“ Moment am großen Wasserfall im Nationalpark Krka. Aber genossen haben wir ihn nicht.

Wir sind dann nicht wie viele andere mit dem nächsten Schiff wieder Richtung Ausgang gefahren. Wir gingen zu Fuß. Und mit jedem Schritt, den wir uns von einem der schönsten Fotospots der Welt entfernten, ging es uns besser. Wir gingen auf einem Weg hoch oben über dem Fluß Krka. Wir waren völlig alleine unterwegs, um uns herum nur der Nationalpark. Dort unten fuhr gerade ein Boot, voll mit Menschen – auf dem Weg zum nächsten schönsten Fotospot?

Eine Ladung Touristen auf dem Weg zum nächsten Fotospot
Wir genießen den Moment.

Dieses Erlebnis hat mich wieder wachgerüttelt. Zu oft reise auch ich mit vorgefertigten Erwartungen. Kein Platz für echtes Erleben und eigene Eindrücke. Gerade wenn man meint, wenig Zeit zu haben, möchte man, dass alles stimmt. Möglichst effektiv sollen die besten Fotospots erreicht werden, um genau die Erlebnisse mitzunehmen, wegen der man diese Reise angetreten hat. Zu Hause und auf den sozialen Medien werden dann die Fotos gezeigt, die jeder schon tausendfach gesehen hat. Die Wahrheit hinter den Fotos zeigt man nicht.

Die ganze Welt ist voller schönster Fotospots.

Aber es gibt noch die andere Wahrheit jenseits der schönsten Fotospots der Welt und den Menschenmassen dahinter. Denn meistens ist es an diesen Orten wirklich wunderschön – und ganz besonders drum herum. Oft muss man gar nicht weit gehen, um völlig alleine zu sein. Einfach mal falsch abbiegen, eine andere Route gehen, eigene Wege beschreiten. Auch wenn man meint, noch so wenig Zeit zu haben. Es ist immer möglich. „Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, gehe einen Umweg“ sagt ein japanisches Sprichwort. Dann hat man die Chance auf echte Entdeckungen. Man kann noch nie fotografiertes festhalten und seine ganz eigene Reisegeschichte schreiben, statt bekannte Klischees wieder und wieder nachzuerzählen.

Beliebter Fotospot: Wasserfall im Nationalpark Plitvicer Seen
Nationalpark Plitvicer Seen im Winter? Nein, eine Entdeckung im Harz: Renauturierter Steinbruch

Und das Beste ist: Diese Orte gibt es überall zu entdecken. Wenn man zu Fuß geht, mit den lokalen Bussen fährt, sich dem Rhythmus des Landes oder der jeweiligen Gegend anpasst. Man „schafft“ vielleicht weniger und erlebt doch viel mehr. Dann ist die vermeintlich unschöne Wahrheit hinter den makellosen Fotos gar nicht mehr so enttäuschend. Dann ist das lediglich ein kleiner Teil der ganzen Wahrheit. Denn die schönsten Fotospots der Welt gibt es überall zu entdecken.

Fjord in Skandinavien?
Nein, Stabkirche und Landschaft: Gefunden auf dem Liebesbankweg im Harz.

 

Heißbegehrter Fotospot in Mittelerde? Nein: Höhlenwohnungen bei Halberstadt.
Die schönsten Fotospots der Welt gibt es überall zu entdecken. In diesem Sinne: Bis bald!

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade von Phototravellers teil. Vielen Dank Biggi und Flo für diese tolle Inspiration! Hier geht es zur Ausschreibung und zu den teilnehmenden Artikeln. Es lohnt sich wirklich da mal reinzuschauen. Es gibt großartige Fotos aus der ganzen Welt zu sehen und viel von der Wahrheit dahinter.

Hier geht es zur ganzen Story unserer Ausflüge zu den Krka-Wasserfällen und in den Nationalpark Plitvicer Seen.

19 Kommentare Gib deinen ab

  1. Silvana sagt:

    Ein sehr ehrlicher und schöner Blogbeitrag. Ich habe mich in vielen Zeilen wiedergefunden. Auch ich gehörte zu den digitalen Neckermännern. Heute merke ich immer öfter, dass ich die Kamera in der Tasche lasse und lieber den Moment genieße und wahrnehme. Bilder im Kopf sammeln und nicht immer das Bedürfnis zu haben, zeigen zu müssen, wo man gerade ist und wie super es dort ist.

    Liebe Grüße
    Silvana

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Silvana für deinen Kommentar. Ja, man sollte tatsächlich öfter mal die Kamera in der Tasche lassen oder sogar gar nicht mitnehmen. Ich merke, dass ich beim Gedanken daran fast ein wenig nervös werde. Ist echt schwer, den digitalen Neckermann abzulegen 😉. Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt mir

  2. Lutz Prauser sagt:

    Großartiges ‚Feindbild‘: Die Beckermänner.
    Bei uns waren das die Quelle-Touristen. Letztlich die gleiche Klientel.
    Sehr schön, dass Euch die Sehnsucht nach Winnetou auch angeweht hat bei den Krka-Fällen.
    Mich auch.
    Und es war so ernüchternd. Das war dann auch mein Thema für die gleiche Blogparade.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja klar, deinen Artikel habe ich natürlich mit großer Freude gelesen. Und wenn ich deine Fotos sehe, dann kann ich sagen, dass wir noch Glück hatten. Wir waren Ende Oktober da und es war tatsächlich vergleichsweise wenig los. Trotzdem war ich enttäuscht, denn bei Winnetou sah das alles irgendwie ganz anders aus 😉. Viele Grüße von Andrea

      Gefällt mir

  3. Ruhrköpfe sagt:

    ein toller Beitrag, denn wer mag noch all diese perfekten Fotos sehen!=

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Annette. Die digitalen Hochglanzfotos sind wahrscheinlich ähnlich zu sehen, wie die Neckermannkatalog-Fotos. „Muss man gesehen haben“ entspricht dem „sehr beliebt“. Wenn man an diese Orte fährt, weiß man eigentlich schon, was einen erwartet …. 😉 Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt 1 Person

      1. Ruhrköpfe sagt:

        schade, es macht doch viel mehr Spaß, alles selbst neu zu entdecken 🙂 Liebe Grüße, Annette

        Gefällt 1 Person

  4. Andrea sagt:

    Das finde ich gut, dass du das mal so zeigst, denn diese heile, leere Welt ist ja tatsächlich so nicht. Danke fürs Mitnehmen

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Welt ist zum Glück mehr als ein Werbeprospekt …

      Gefällt mir

  5. Sehr gut geschrieben! Ich bin ja nun schon recht alt und bereise die Welt schon seit 53 Jahren. Was sich heute so abspielt an „markanten Orten und Städten“ ist ja bald nicht mehr auszuhalten, weshalb ich schon Städtereisen wie Barcelona etc. in meinem Kopf gecancelt habe. Die Bewohner dort hassen inzwischen Touristen und ich kann das sehr gut verstehen. Nichts desto trotz werden wir Paris „heimsuchen“, aber mit dem Rad und von einem Wohnmobilstellplatz aus. Vielleicht werden wir weder auf den Eiffelturm steigen noch den Louvre besuchen, sondern uns einfach auf dem Rad durch die Stadt treiben lassen und da anhalten, wo wir es persönlich schön finden. LG, Sigrid

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, es ist verrückt. Wir meiden mit Hund (zwangsweise) sowieso meistens diese Hotspots. Aber es gibt eine nächste Herausforderung. Im September reisen wir nach Cornwall und Wolfgang will auf der Durchreise unbedingt Stonehenge besuchen („England ohne Stonehenge geht nicht.“) Ich bin sehr gespannt, was uns da erwartet… Deine Idee, mit den Rädern Paris zu entdecken, ist auf jeden Fall großartig!
      Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt mir

  6. Paris ohne Eiffelturm geht ja eigentlich auch nicht. Verstehe schon, wenn man besondere Orte sehen möchte.

    Gefällt 1 Person

    1. Na klar, man sollte sich halt bloß nicht darauf versteifen und noch Augen für das drum herum haben. Und wer weiß, vielleicht radelt ihr ja ganz durch Zufall am Eifelturm vorbei und genau zu dem Zeitpunkt ist kaum ein anderer Tourist dort 😀. Na, dann nichts wie hoch! Ist mir tatsächlich schon öfter so gegangen, als ich bewusst bestimmte Sehenswürdigkeiten nicht besuchen wollte. Viel Spaß auf jeden Fall in Paris – ob mit oder ohne Eifelturm!

      Gefällt mir

      1. Das wäre allerdings ein Glücksfall🗼 ist aber eher unwahrscheinlich 😃 Vorher Tickets im Internet kaufen wäre sinnvoller 😄

        Gefällt 1 Person

  7. Florian sagt:

    Hallo Andrea,

    sehr schöner Artikel, du hast es voll auf den Punkt gebracht! Ja, die Zeiten, als es nur die Neckermänner gab, denen trauere ich schon hinterher. Heute will jeder (okay nicht jeder, aber viele) das perfekte Foto für Instagram, aber es interessiert sich überhaupt keiner mehr für den Spot und den Ort selbst. Traurig.

    Liebe Grüße
    Flo von den Phototravellers

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke Florian, insbesondere für die Inspiration zu dem Artikel. Ja, es ist wirklich schade, dass viele Orte in der Wahrnehmung auf eine Sehenswürdigkeit oder einen Fotospot reduziert werden. Da entgeht einem wirklich viel, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, auch mal rechts und links zu schauen.
      Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt mir

  8. Liebe Andrea,
    auch ich finde mich in vielen Deiner Worte wieder. Bei mir gab es sogar eine Zeit, in der ich mich dem Fotografieren komplett verweigert habe, weil ich der Meinung war, dass ich die Erinnerungen ja im Herzen trage. Das ist natürlich auch so. Heute tut es mir aber leid, dass ich von vielen Urlauben, die ich als junge Frau gemacht habe … z.B. Zu Fuß und zu Pferd durch Colorado und Utah … kein einziges Foto habe. Nach all den vielen Jahren verblasst – zumindest bei mir – die Erinnerung doch ein wenig.
    Viele Grüße
    Martina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Martina,
      wow, Respekt vor dieser Entscheidung, die du damals getroffen hast. Ich kann jedoch sehr gut verstehen, dass du jetzt im Nachhinein gerne ein paar Fotos von diesen Reisen hättest. Aber wer weiß, was du alles mehr erlebt hast, dadurch, dass du keine Kamera dabei hattest?!
      Herzliche Grüße von Andrea

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s