South West Coast Path mit Hund: Oh, you are a good boy!

Die vergangene Nacht am Fuße des High Cliffs war stürmisch und es hatte sogar etwas geregnet. Aber unser Zeltplatz ist gut gewählt. In der Talsohle stehen wir windgeschützt und als ich in der Morgendämmerung das Zelt öffne, blicke ich auf ein tiefblaues Meer. Mit der Nacht verziehen sich auch die Wolken. Unsere zweite Etappe am South West Coast Path, die uns bis nach Tintagel, einem der touristischen Höhepunkte von Cornwall führen soll, liegt vor uns.

Ein weiterer Tag am South West Coast Path beginnt.

Britische Höflichkeit und hundeverrückte Engländer

Einen nicht unbeachtlichen Teil der an diesem Tag bevorstehenden knapp 900 Höhenmetern, bewältigen wir gleich nach dem Frühstück mit der Besteigung des High Cliffs. Und ich bin wahrlich „high“ angesichts der Aussicht. Von der höchsten Klippe Cornwalls schauen wir von 223 Meter über dem Meer in die Welt. Was für ein Start in den Tag!

Die höchste Klippe Cornwalls, das High Cliff (223 m) – geschafft!
Der Blick auf die bevorstehende Etappe: Irgendwo dahinten ist Tintagel.

Die Ausblicke auf diesem Abschnitt des South West Coast Paths sind fast unbeschreiblich schön. Aber die vielen, vielen Stufen machen meinem rechten Knie zu schaffen. Gerade abwärts komme ich nur im Schneckentempo voran. Wir verlieren Zeit. Auf einem der Abstiege überholen uns die beiden jungen Mädels, die wir bereits mehrfach getroffen hatten. Sie berichten, dass sie auf der Kuhweide kurz vor dem Tal, in dem wir übernachtet haben, ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Die Kühe seien erst morgens gekommen. Da hätten sie schnell zusammengepackt. Dann verabschiedeten sie sich und liefen leichten Fußes mit schwerem Gepäck davon.

Auf solchen Touren wächst man zusammen.

Wir begegnen nun immer mehr Tageswanderern auf dem South West Coast Path. Fast alle sind mit mindestens einem Hund unterwegs. Viele laufen ohne Leine und sind ruhig und höflich wie ihre Frauchen und Herrchen. Die englische Unaufgeregtheit scheint sich auf die Hunde zu übertragen. Viele sprechen uns an und zeigen ihre Begeisterung für Bobby, der so brav seinen Rucksack trägt. „Oh, you are a good boy“, wird er gelobt und er scheint es zu genießen. Bobby wird nur ganz selten ungehalten, wenn ein fremder Hund auf dem schmalen Weg zu dicht herankommt.

Cream Tea am South West Coast Path und der Himmel auf Erden

„Nur noch die eine Klippe herauf, anschließend links hinunter und dann erreichen Sie schon Boscastle mit einigen Cafes und Restaurants.“ Das gibt uns ein entgegenkommender Wanderer mit auf dem Weg. Mittlerweile schmerzt mein Knie so dermaßen, dass wir überlegen, unsere Tour einen Tag früher in Tintagel zu beenden. Aber erst mal müssen wir überhaupt bis dorthin kommen.

Die Bucht von Boscastle ist bereits in Sichtweite.

Als uns nur noch ein steiler Abstieg von Boscastel trennt, lesen wir auf einem Schild: Boscastle Farm Shop und Cafe, 100 m. Es geht über eine kleine Weide und wir erreichen das Landcafe mit allen Köstlichkeiten der englischen und kornischen Küche. Der Mittagstisch scheint bestens zu sein. Viele Senioren essen und plaudern im Restaurant. Wir sitzen mit Bobby draußen auf der Terasse und gönnen uns Cream Tea mit zwei riesigen Scones und einer wunderbaren Clotted Cream mit Blick auf die Steilküste und das Meer: So muss der Himmel auf Erden sein!

Cream Tea am South West Coast Path – herrlich lecker!

Wir brechen auf. Ich bin mit meinem schmerzenden Knie langsam unterwegs. Die Ortschaft Tintagel ist bereits in Sichtweite, aber viele Klippen und damit verbundene Auf- und Abstiege liegen noch zwischen uns. Wir passieren einen Campingplatz und ganz spontan verabschieden wir uns (mal wieder) von der Hoffnung auf ein weiches Bett in Tintagel. Keinen Schritt will ich mehr gehen heute. Der Platz liegt fantastisch, die Duschen sind heiß und der Sonnenuntergang ein Traum.

Bobby ist mal wieder als erster im Zelt: Man beachte den Schattenriss 🙂

Nach einer Nacht, in der es wieder geregnet hat, beschließen wir aufgrund der anhaltenden Schmerzen in meinem Knie unsere letzte Etappe nicht wie geplant bis nach Port Isaac zu gehen, sondern nur bis Tintagel. Etwa fünf Kilometer geht es bergauf und bergab bis wir Tintagel Castle erreichen. Dieser Ort ist sagenumwoben und soll der Geburtsort von König Artus sein – ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Bereits jetzt am Vormittag ist einiges los. Aber zu Recht. Die Ruinen der ehemaligen Festung liegen spektakulär auf den vorgelagerten Felsen.

Das letzte Wegstück bis Tintagel wird betrachtet.
Und ein Blick zurück auf die vergangenen zwei Tage.

Auch im Tintagel Castle sind Hunde willkommen.

Natürlich müssen während des Rundgangs wieder jede Menge Stufen überwunden werden. Trotz der vielen Menschen ist es entspannt. Nicht wenige haben ihre Hunde dabei. Viele Sehenswürdigkeiten sind in England für Hunde zugänglich. Überall stehen Wassernäpfe bereit. Bobby wird mit freundlicher Aufmerksamkeit überschüttet. Aber keiner ist ihm gegenüber aufdringlich. Jeder respektiert den Abstand, den man möchte . Dazu bedarf es keiner Worte. Ein paar asiatische Touristen wünschen ein Foto von Bobby. Er posiert und zeigt sich von seiner besten Seite. Die britische Höflichkeit hat auch ihn angesteckt.

Mal wieder viele Stufen …
… auf dem Rundgang durch Tintagel Castle.
Festungsanlage Tintagel Castle
Tintagel Castle: An diesem Ort soll König Artus geboren sein.

South West Coast Path mit Hund und Zelt: Der Weg ist das Ziel

Gegen mittag bricht die Sonne durch. Während ich mich im Garten eines „dog-friendly“ Pubs ausruhe, fährt Wolfgang mit dem Bus nach Bude, um das Auto zu holen. Unser Abenteuer am South West Coast Path im Norden von Cornwall ist zu Ende. Nun geht es mit dem Auto über Port Isaac weiter nach St. Agnes, wo wir für eine Woche ein kleines Ferienhaus beziehen werden.

Erneut stelle ich fest, dass das Erleben einer Region während einer Mehrtageswanderung ein intensiveres ist, als auf Tagesausflügen. Durch das Übernachten im Zelt wird das noch mal verstärkt. Existenzielles, wie schlafen und essen gewinnt an Wichtigkeit und strukturiert den Tag. Die hohe Erwartungshaltung und Ungeduld, die ich oft verspüre, wenn ich bestimmte Sehenswürdigkeiten besuche, gibt es auf solchen Touren nicht. Das Unterwegssein selbst ist das besondere Erlebnis. Die ausgewiesenen „Hotspots“ verlieren an Bedeutung. Man nimmt sie quasi im Vorbeigehen mit.

Unterwegs auf dem South West Coast Path

Oftmals war ich von den Eindrücken und Ausblicken schier überwältigt und immer wieder kämpfte ich mit mir selbst und meinen körperlichen Grenzen. Der Weg ist das Ziel. Wie oft bemüht man diesen Spruch und mahnt sich selbst zu mehr Achtsamkeit. Während unserer Wanderung auf dem South West Coast Path ging das trotz oder gerade wegen der Mühen, Schmerzen und der vielen Stufen ganz einfach.

Und Bobby? Auch er ist wieder gewachsen. Die Engländer lieben Hunde und sie lieben Bobby. Wir haben sehr viele Hunde getroffen. Kein einziger hat sich unhöflich genähert. Kein: „Darf unser Hund ihren mal begrüßen?“. Kein: „Ach, die wollen doch nur spielen“. Alle Hunde gingen ob mit oder ohne Leine brav bei ihren Leuten, schnupperten höchstens mal freundlich. Völlig unaufgeregt. Sehr höflich. Very british. Bobby tut das gut und er hat ein großes Stück Gelassenheit dazu gewonnen.

Oh Bobby, you are a good boy!

Hier geht es zum ersten Teil unserer Wanderung am South West Coast Path: South West Coast Path mit Hund und wer hatte eigentlich die Idee mit dem Zelt?

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ja England und besonders Cornwall ist ein Traum. Schade mit dem Knie, mir haben die Füße auf dem vielen Apshalt zu schaffen gemacht, aber mit kürzeren Etappen und vielen Pausen ging es dann ganz gut.
    Tintagel war ich noch nicht. Habe vor ÄONEN von Jahren (1997) mal eine Woche in Cornwall, JH in Penzance, verbracht und Ausflüge gemacht, aber nur an der äußersten südwestspitze (St Just, St Ives, Lands End….) Ein wenig auf dem Coast Path war ich dabei auch. Mit Hund wandern bringt immer Kontakt. Ich hoffe Ihr habt noch ein paar Tage. Ich bin heute nach 6 Tagen Bonifatius Route zurück. Der Ort eigenete sich gut zum Ausstieg, da man von dort sehr gut nach Hanau und an die ICE Strecke kommt.Auch für einen Wiedereinstieg ist es somit ideal und der ist, grob, fürs Frühjahr ins Auge gefasst…mal schauen.

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    1. Cornwall ist wirklich traumhaft schön. Und für die nächste Tour mit Zelt und schwerem Gepäck sollte ich vorher vielleicht ein wenig trainieren. Dann klappt’s bestimmt auch mit den Knien 😉. Und für dein Vorhaben „Bonifatius Weg“ gilt wohl auch: Der Weg ist das Ziel. Viel Spaß auf jeden Fall dabei! Viele Grüße von Andrea

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  2. Ein sehr schöner Bericht und sehr informativ: die Treppen! Die werden auch für mich schnell zum „Knieproblem“.
    Gruß, Aurora

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    1. Vielen Dank, liebe Aurora! Ja, die Treppen plus Rucksack waren echt heftig. Aber mittlerweile ist mit dem Knie zum Glück alles wieder gut. Viele Grüße! Andrea

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  3. Stefanie sagt:

    Hey….
    Ganz toller Reisebericht!
    Die Briten sind echt die hundefreundlichsten Menschen weltweit – Ich habe in Schottland mit meinen zwei Fellnasen genauso entspannte Erfahrungen machen können wie ihr mit Bobby.
    Liebe Grüße aus Österreich,
    Stefanie

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    1. Vielen Dank liebe Stefanie,
      ja, ich bin immer noch ganz geflasht von diesem tollen Land, besonders auch wegen der Hundefreundlichkeit. Und toll zu hören, dass es in Schottland ähnlich entspannt ist. Das haben wir nämlich für eine unserer nächsten Reisen ganz fest im Visier. Ich werde gleich mal auf deinem Blog stöbern gehen 🙂
      Herzliche Grüße von Andrea

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