Zwei weitere Tage haben wir nach unserem Ausflug in die „polnische Sahara“ im angrenzenden Örtchen Leba verbracht. Es blieb allerdings bei der einen „wilden“ Übernachtung auf dem Parkplatz des Nationalparks. Wir zogen um auf den Campingplatz „Morski“ No. 21. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich tatsächlich für einen Campingplatz begeistern könnte. Bisher hatten wir durchweg gute Erfahrungen gemacht. Aber dieser Platz toppte alles vorher Gewesene: Mitten im Wald gelegen, große schattige Stellplätze, extrem saubere sanitäre Anlagen, Pförtner und Wachpersonal sowie eine stets besetzte Rezeption und dazu noch wirklich günstig (weniger als 20 Euro mit Hund und Kegel).

Touristenhochburg, best Campingplatz ever und Bobby liebt das Meer

Die Suche nach einem Ortskern haben wir in Leba allerdings nach einem Vormittag aufgegeben. Als eine der touristischen Hochburgen Polens zieht sich Leba zerfleddert und ohne wirklich erkennbarer Struktur dahin und wartet mit Freizeitparkcharakter a la Rimini in den 70er Jahren auf. Noch war nicht viel los. Ab 1. Juli bis Ende August sind Schulferien in Polen. Da geht hier richtig die Post ab für den der es mag.

Wir machten Ausflüge mit dem Fahrrad in den Nationalpark und wir gingen an dem kilometerlangen und wunderschönen Strand spazieren. Mit Bobby. Mit Bobby? Am Strand? Die Konfrontationstherapie auf der Wanderdüne der polnischen Sahara zeigte seine Wirkung. Wir spazierten mit Bobby am Strand. Und er hatte tatsächlich Spaß und kaum Stress. Er reagierte auf uns und regte sich (fast) gar nicht auf. Es war einfach toll. Wir waren glücklich und Bobby entspannt. Der Campingplatz war unser zu Hause. Die Zeit hätte stehen bleiben können. Aber: wir mussten weiter. Wir sind auf einem 14-tägigen Roadtrip. Die Hälfte der Zeit war schon um.

Eines unserer Ziele sollte ja auch Neumittelwalde bei Breslau sein, der Heimatort meiner Mutter. So mussten wir das Meer verlassen. Wir wählten unsere Route über Danzig entlang der Weichsel. Wir rechneten: Wann müssen wir wo sein, damit wir  rechtzeitig zu Hause sind, um das geliehene Wohnmobil wieder in seinen Ausgangszustand zurückzuversetzen und es pünktlich um 10 Uhr am Freitag dem pingeligen Chef der Verleihfirma hoffentlich anstandslos übergeben zu können?

14 Tage Roadtrip sind viel zu kurz!

Und das sollte uns in den nächsten Tagen noch viel deutlicher werden. Für die weitere Routenplanung übernahmen wir den Tipp aus unserem Reiseführer:

Schöne Routen

Festungsstätte entlang der Weichsel: Freunde mittelalterlicher Architektur lernen auf dieser Strecke den steingewordenen Machtwillen der Ordensritter kennen: befestigte Burgen und Wehrkirchen, in ihrem Schatten backsteinerne Bürgerhäuser und Getreidespeicher. Wichtigste Stationen der Route sind Malbork, Kwidzyn, Grudziadz, Chelmno und Torun. (DUMONT Reisehandbuch Polen. Der Norden)

Danzig: Städte können auch ganz schön ermüdend sein.

Nach einer Stippvisite in Danzig (zentral gelegener bewachter Stellplatz, schöne Altstadt mit Hafen, sehr viele Touristen), erreichten wir zum Sonnenuntergang Marienburg, unsere nächste Übernachtungsstation.

Marienburg zum Sonnenuntergang
Marienburg: Der Vollmond geht auf.

Hier blieben wir dann entgegen unseres Plans zwei Nächte. Zu riesig die Festungsanlage (der größte Backsteinbau Europas) und zu lang die Führung mit dem Audioguide (175 Minuten die ganze Runde, die Wolfgang und ich nacheinander gemacht haben, da Bobby natürlich keinen Zutritt hatte), um am gleichen Tag noch weiter zu fahren.

Selfie mit Ritterrüstung 😉

Um dennoch im Zeitplan zu bleiben, legten wir einen Reisetag ein, an dem wir die wichtigsten historischen Orte der Region abklapperten. Die Festungen des Ritterordens, die sich immer wieder über der Weichsel erheben sehen beeindruckend aus, die Städte selbst meist weniger. Hier herrscht oft sozialistisch geprägte Architektur mit Plattenbau vor.

Ein Roadtrip ist anstrengend!

An diesem Tag verfluchten wir diese Art des Reisens. Wie kann man von einer Reise mit Wohnmobil nur von Freiheit sprechen? Man ist langsam (vergiss mit über 3 Tonnen Gewicht: „komm, lass uns da noch mal schnell hinfahren“) und unflexibel (vergiss mit 6 Metern Länge: „komm, lass uns da noch mal kurz anhalten“). Der Ballast eines ganzen Hauses lastet auf einem.

Abends sind die meisten Orte am schönsten und die lange Fahrt vergessen.

Gegen Abend kamen wir in Torun an. Ein wunderbares kleines mittelalterliches Städtchen an der Weichsel gelegen. Wir suchten ein im Reiseführer empfohlenes Lokal auf, in dem es altpolnische Spezialitäten geben sollte. In einem kleinen Hinterhof mit Blick auf die mittelalterlichen Fassaden wird Bobby freundlich begrüßt. Als erstes esse ich die empfohlene berühmte „Czernina“ – eine aus Gänseblut zubereitete schwarze Suppe (schmeckt wirklich gut und irgendwie gar nicht nach Blut) Wir fahren fort mit dem weiteren Essen und der Kellner serviert uns zum Abschluss „the best Wodka“, den man auf ex trinken muss, erklärt er uns. Meine Kehle explodiert. Erst danach beim Bezahlen erwähnte der Kellner: 70% Alkohol hat „the best Wodka!“ Wir lachten und schlenderten mit immer noch warmer Kehle durch die im Abendlicht friedliche Altstadt. Auf der langen Brücke über die Weichsel, die zurück auf unseren Campingplatz führt warfen wir noch mal einen Blick zurück auf das nächtliche Torun. Dass es morgen schon wieder weitergehen wird – in diesem Moment dachten wir nicht daran.

traditionelle Blutsuppe
Der Übergang von Tag zur Nacht ist Anfang Juni besonders lang – hier in Torun an der Weichsel

Heimatbesuch in Schlesien (Warum liegt der polnische Sprachführer eigentlich immer noch ungelesen im Wohnmobil?)

Zehn Tage waren wir nun unterwegs. Auf dem Weg nach Breslau legten wir eine Übernachtung irgendwo vor den Toren Posens ein. Wir machten gar nicht den Versuch, in die Stadt hineinzukommen, zu weit draußen der Campingplatz. Städtereisen mit Hund sind ja schon schwierig. Unterwegs mit Hund und Wohnmobil macht einen Stadtbesuch fast unmöglich. Auch am nächsten Tag fuhren wir viel. Ab und zu machten wir Pause und manchmal entdeckten wir kleine Wasserschlösser oder eine Fotoausstellung mitten im Wald.

Wir erreichten Neumittelwalde, den Heimatort meiner Mutter. Zielsicher (der Ort ist merkwürdigerweise auf Google maps street view haarklein erfasst) fanden wir das Haus, das meine Mutter im Alter von fünf Jahren verlassen musste. Es sah noch genauso aus, wie auf den Fotos von 1945 und von 1980, die wir dabei hatten. Die dort heimischen Hunde (im Zwinger) begrüßten uns lautstark und es dauerte nicht lang, da kam eine Frau aus dem Haus. Wir zeigten die Fotos und versuchten mit Händen und Füssen zu erklären: Mama, Bäckerei, 1945… Eine Nachbarin kam dazu. Die beiden sprachen kein Englisch und kein Deutsch, wir kein Polnisch (der Sprachführer lag immer noch ungelesen im Wohnmobil). Aber die Nachbarin erinnerte sich: „Bäckerei! Ja! Hier im Hof.“ So klangen ihre Worte zumindest für mich. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so ignorant bin und in ein Land fahre ohne auch nur ein Wort der Landessprache zu können. Aber es war eine schöne Begegnung. Wir spazierten durch den kleinen unscheinbaren Ort und machten ganz viele Fotos und Filme für meine Mutter. Vielleicht erinnert sie sich an irgendetwas, wenn ich ihr das zeigen werde.

Städtehopping mit Wohnmobil und Hund und es verändert sich etwas

Eigentlich wollten wir Breslau auslassen, nicht schon wieder eine Stadt! Aber bereits so nah dran konnten wir doch nicht auf eine Besichtigung der 2016 zur Kulturhauptstadt Europas gekürten Stadt, von der so viele schwärmen, verzichten. So drängelten und schoben wir uns durch den Feierabendverkehr Richtung Campingplatz. Es hat sich etwas verändert in den letzten Tagen. Wir richten uns weniger ein auf den Campingplätzen. Sie dienen dem Zweck des Stadtbesuchs, sind reiner Stellplatz. Man bleibt für sich, man ist mit sich selbst beschäftigt, muss vieles organisieren, sich orientieren und morgen geht es schon weiter. Wir sind viel zu schnell. Die Zeit ist einfach zu knapp. Bobby machte alles klaglos mit. Er tat mir etwas leid: Viel Auto fahren, fast jede Nacht woanders, viele Städte und wenig Natur. Er blieb aber gelassen, wirkte nicht gestresst und während unserer Stadtbesuche orientierte er sich an uns, wie wir das von zu Hause nicht gewohnt waren. Aber auch er zeigt sich nun anders auf den Campingplätzen. Sein Verhalten ist territorialer geworden. Menschen dürfen sich nicht mehr so einfach unserem Wohnmobil nähern.

My home is my castle – hier in Breslau ist auf dem Campingplatz noch ein wenig die Zeit stehen geblieben.

Roadtrip mit Hund und irgendeine Lösung gibt es immer

Wir checkten die Möglichkeiten, in die Altstadt von Breslau zu kommen: Straßenbahn, Fahrrad, zu Fuß. Keine dieser Varianten schienen uns mit Bobby für die etwa sieben Kilometer lange Strecke entlang stark befahrener Straßen machbar. Und dann kam uns die Idee: Wir nehmen ein Taxi! Bobby sollte sich ganz klein machen, da es verboten sei, Hunde im Taxi mitzunehmen erklärte uns der Fahrer. Breslau ist eine tolle Stadt. Wir haben uns treiben lassen und als die Nacht anbrach hatten wir keine Probleme auch für die Rückfahrt ein Taxi für uns drei zu finden.

Spreewald – eine viel zu kurze Reise geht zu Ende

Eine Übernachtung gönnten wir uns noch im Spreewald (sieht fast aus wie in Polen dort) und genossen die Stille und die Natur. Wir konnten uns nicht vorstellen, ab morgen nicht mehr darüber zu diskutieren, wo wir als nächstes hinfahren, ob wir den Gashahn schon abgedreht haben, und wo wir wohl übernachten werden. Wir erwischen uns dabei, zu überlegen, wie ein Wohnmobil aussehen müsste, das uns gehört. Und wir sprechen darüber, wo wir noch überall hingefahren wären, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Und wir sind uns einig, dass längeres Unterwegs sein mit Hund ideal mit einem Wohnmobil zusammenpasst.

Roadtrip mit Hund und Wohnmobil – mein erstes Fazit

Gut 2200 km waren wir unterwegs in Polen. Viel weniger war kaum möglich, wenn man etwas mehr vom Land sehen möchte. Zumindest mit einem geliehenen Wohnmobil sind 14 Tage zu kurz für einen Roadtrip. Es dauert ein paar Tage, bis man sich an diese Art des Reisens und an das Auto gewöhnt hat. Ordnung und ein wenig Disziplin (beides nicht meine Stärken) erleichtern das Leben in einem Wohnmobil. Es geht viel Zeit für Planung, Organisation, Suchen und Orientieren drauf. Meine Empfehlung ist, sich mindestens drei Wochen Zeit zu nehmen für einen Roadtrip mit Hund und (geliehenem) Wohnmobil. Wenn man nur an zwei oder drei Standorten bleiben möchte, ist man mit einem Auto und Zelt oder in Hotels und Ferienhäusern meiner Meinung nach besser (und im Zweifelsfall auch günstiger) aufgehoben. Gerade Stadtbesuche sind schwierig, da Campingplätze meist außerhalb liegen.

Für eine richtig lange Zeit (mehrere Wochen bis Monate) ist ein Wohnmobil bestimmt eine sehr geeignete Form des Reisens mit Hund. Ich denke allerdings, dass ein geliehenes Modell nie genau den eigenen Bedürfnissen entsprechen kann und immer ein Kompromiss bleibt. Ob ich so eine Reise nochmal machen werde? Ich weiß es nicht. Aber der Gedanke an ein eigenes Wohnmobil geistert in meinem Hinterkopf…

Bloggen im Wohnmobil

Zum Nachreisen: Roadtrip Polen. Burgen, Schlösser und Städte entlang der Weichsel plus Breslau

Leba: Campingplatz Nr. 21 Morski ist ‚the best Campingplatz ever‘ 😉

Marienburg: Camping Malbork No 197, ul. Portowa 3 kann man als zweckmäßig beschreiben

Torun: Camping Tramp Torun liegt direkt gegenüber der Altstadt an der Weichsel

Posen: Camping Malta No. 155 an einem See mit einer Olympia-Ruderstrecke aber weit weg von der Stadt

Breslau: Camping Stadion Olimpijski No. 117 ist etwas in die Jahre gekommen aber sympatisch

Spreewald: Camping Halbinsel Raatsch am Neuendorfer See liegt sehr ruhig und idyllisch und endlich waren sie da: die Gartenzwerge!

Kosten Camping: In Polen haben alle Campingplätze um die 20 Euro gekostet. Im Spreewald knapp 30 Euro.

Hier geht es zu den vorherigen Reiseberichten unseres Roadtrips durch Polen:

Roadtrip Polen mit Hund: Vergiss alles, was du bisher über Polen gedacht hast! (Ostseeküste mit Polnischer Sahara)

Verpackungskünstler oder 1 Hund 2 Menschen und 6 Meter Wohnmobil (Die Abreise und erste Eindrücke)

Roadtrip Polen – Unsere Route:

Anwolf – Unterwegs mit Wohnmobil und Hund durch Polen
Bitte alle einsteigen, Gashahn abdrehen, Schränke sichern und los geht es!
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